Tino wollte noch einen Eintragstitel vorbeibringen.

100_0350 Diesen Sommer stelle ich kurze Serien vor. Jeden Freitag um Zwölf. Warum steht hier. Heute: Willkommen im Leben..

(Dieser Eintrag ist zusammengeschrieben aus zwei Eintragsentwürfen der letzten zwei Monate.)

Als heterosexueller Serienschauer ist man stets einer Frage vor allem von sich selbst ausgesetzt: Mag man eine weibliche Protagonistin vielleicht nur, weil man sie sexuell anziehend findet? Früher bin ich an dieser Frage immer ins Straucheln geraten. Heute habe ich kein Problem mehr mit ihr. Ich lasse zu, dass ich eine Person interessant, süß oder gar anziehend finde. Beispielsweise ist Lindsay aus Freaks & Geeks eine sehr starke Figur und ich kann nicht abstreiten, dass ich ebenso wie Nick nicht auch einen Crush für sie hatte. Ähnliches gilt für die Figuren aus Pushing Daisies, wobei ich heute nicht mehr sagen könnte, ob der Kuchenbäcker oder Chuck süßer ist.

Steckt im Interesse für eine Figur auch ein sexuelles Interesse?

Gerade bei jungen Schauspielerinnen wird diese Frage zur Zerreißprobe. Finde ich eine schauspielerische Leistung würdingenswert oder suche ich nur Ausreden für meine Schwanzsteuerung? So what. Inzwischen blende ich diese Frage bewusst aus. Ich gestehe mir zu jemanden süß zu finden – Junge, Mädchen, Mann, Frau, Tier – ohne dabei die Frage „Steckt dahinter ein sexuelles Interesse?“ zu stellen. Auch, weil ich glaube, dass diese immer währende Frage letztlich zu mehr Falschresultaten führt als zu echten Ergebnissen.

Als ich 15 war sah ich das erste mal „Romeo + Julia“ auf Videokassette. Leonardo DiCaprio mit der klassischen Wortwahl im krassen Kontrast zur modernen Darstellung. Und dann war da Claire Danes. Als ich 15 war – irgendwann mitten in den 2000ern – verknallte ich mich in die 17jährige Claire Danes von der Videokassette. Zumindest glaube ich, dass das damals gewesen sein muss.

Als ich vor einigen Wochen das erste mal die leider nach einer Staffel 1994 eingestellte Serie Willkommen im Leben (My so-called life) sah – mit Claire Dannes als Angela und Jared Leto als Jordan Catalano – kam dieser Teenie-Crush wieder hoch. Claire Dannes war damals 15 Jahre jung, ihr Gegenpart Jared Leto schon 22.

Schauspielerisch überragt Claire die ganze Serie. Irgendwo, zwischen neuen Ideen und Serienklischees (z.B. eine Weihnachtsfolge mit einem Engel), zwischen vielschichtiger Charakterzeichnung und Grungelook habe ich mich in diese Serie verknallt und ein bisschen auch ins sie tragende Quartett Angela, Rickie, Rayanne, Jordan.
Dazu kommen Elternfiguren, die mehr sind als Stichwortgeber der jugendlichen Protagonisten. Dazu kommen glaubhafte Probleme – verheimlichte Homosexualität, Leseschwäche, Alkoholismus, … – und glaubhafte Figuren.

Wie bei den meisten Serien braucht man erst ein oder zwei Folgen, um sich in die Figuren zu fühlen und wirklich warm zu werden. Und auch der Tino-Running-Gag – alle warten und reden über ihn, aber immer vergeblich – funktioniert erst nach ein paar Folgen. Trotzdem: Das diese Serie 1994 lief und nicht erst 2002 überrascht mich. Wirklich – gerade für damalige Zustände (Baywatch) – außergewöhnliche Storylines und Themen machen die Serie auch heute noch sehenswert, vor allem, weil man so oft das Gefühl hat, den Vorgänger dessen zu sehen, was man heute im Fernsehen liebt. Aber Achtung: Wer bei 90er-Jahre-Serienklischees (Full House!) gerollte Zehennägel bekommt, sollte die Serie lieber meiden.

Nun: Ist die schauspielerische Leistung von Claire Dannes so überragend, oder diktiert mir mein Hoseninhalt etwas in den Kopf, was real nicht da ist? Oder ist es noch der kindlich-naive Crush, den ich für diese junge Frau hatte, der mir diese Serie so sympathisch macht? Nein, es ist eine gute Serie. Trotz 90er-Jahre-Grunch-Klischees, trotz heute tausendfach erbrochenem Beziehungsblah, trotz aller Klischees und trotz des zu frühen Endes. Oder… gerade weil.

Und trotzdem bleibt der Restzweifel und das Ekelgefühl vor mir selbst, hier mit einer Serienfigur mitzufühlen, mitzuerleben, deren Darstellerin noch ein Kind ist.

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