Du musst das wirklich selbst entscheiden.

Ich bin zwiegespalten. Einerseits bin ich davon überzeugt, dass die Realität nur in meinem Kopf existiert und völlig subjektiv ist. Das ich nicht beweisen kann, dass etwas existiert und das du das hier liest und verstehst, was ich meine. Nein, im Gegenteil, du liest das und das regt dich an etwas zu konstruieren, was du denken könntest. Aber das hat doch dann nichts mehr mit mir zu tun. Das ist dann nicht mehr das, was ich dachte, als ich das schrieb, sondern das, was du dachtest, als du last, was ich geschrieben hatte. Mit meiner oder gar „der“ Realität zu tun. Das ist ja nur in deinem Kopf! Genauso, wie die Wirklichkeit nur in meinem Kopf sitzt. Meine Wirklichkeit.

Aber dann denke ich auch: Wer bin ich denn, ohne die Anderen? Die PSG und AfD und wie sie alle heißen, die rufen laut nach Eigenverantwortung und, dass dir dein Eigentum gehöre und das die Griechen, ja die Griechen! Die kriegen den Hals nicht voll. Und der Bundesdeutsche Dummwähler kriegt ’nen dicken Hals. Aber so ist es doch nicht. Was du hier liest, dass du hier liest, verdankst du nicht nur deiner eigenen Anstrengung. Nein, Denken wird weitergegeben. Und was dir deine Eltern lehrten, war nie ihrs alleine. Und was du schufst, scheinbar aus dem Nichts, das steht doch immer auf den Schultern von Riesen – ebenso wie auf den Schultern von allen.

Ein Freund von mir fragte, provokant, wie er es so gut kann, warum eine Fabrik, in der er etwas herstelle, weil er eine tolle Idee gehabt habe, überhaupt Steuern zahlen müsse. Warum es diese – angebliche 70%ige – Steuerlast gibt. Und die Antwort ist doch so offensichtlich, dass sie einem gar nicht erst einfallen möchte: Was dir gehört, hast du nur dem Ganzen geliehen. Oder anders: Deine Fabrik funktioniert, weil die Laster über unsere Straßen fahren, weil unsere Gesetze dir ermöglichen, Handel zu treiben, Geld zu besitzen, Arbeiter zu beschäftigen. Währest du kein Teil der Gemeinschaft, könntest du nichts tun, und weil du ein Teil von uns bist, und wir einen Teil von dir sind, deshalb gehört allen ein Teil dessen, was du schaffst und dir gehört ein Teil an allem.

Natürlich können wir hier über Anteile diskutieren, und wie wir diese Verwenden wollen. Wir können darüber diskutieren, was die Griechen mit dem Geld gemacht haben, welches sie sich zuvor liehen – und von wem das kam und woher die das hatten. Teile davon landeten auch in der deutschen Wirtschaft. Rüstung zum Beispiel. Wir können auch darüber diskutieren, wie sich unsere Welt ändert und wie wir weiterleben wollen. Dabei müssen wir aber für komplexe Probleme einfache Lösungen nutzen, die erst nach längstem Nachdenken, Abwegen und Diskutieren sich als richtig offenbaren. Das braucht Argumente und kein Koalitionsgedings.

Beide Gedankenstränge funktionieren getrennt recht gut. Aber, wie kann ich auf den Schultern aller stehen und einen Teil aller in mir tragen, wenn alles, was ich wahrnehme, alles was für mich ist, nur aus mir stammt? Irgendwo übersehe ich eine Brücke.

Jedenfalls funktioniert eine Idee wie der „Freie Wille“ und allein schon die Aufforderung „Du musst das wirklich selbst entscheiden“ (bezogen auf die Wahl einer Partei am 22. September) unter diesen Vorraussetzungen nicht. Entweder, meine „Entscheidung“ ist durch meinen Kontext bestimmt, weil ich dieses oder jenes gelesen habe, dieses oder jenes verstehe oder, weil ich Dinge in einer gewissen Weise deute. (Der Ausweg, dass sich auch widersprechende Theorien gleichzeitig gültig sein können, ignorieren wir mal im Sinne eines gelingenden Schlusssatzes.) In beiden Fällen ist eine sachliche, freie Entscheidung nicht denkbar, ebenso, wie abzusehen war, dass ich diesen Text mit folgendem Wort beende: Eintopf.

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