Demokratie muss auch ein bisschen weh tun.

Vor einigen Jahren sah ich zum ersten mal Die zwölf Geschworenen von Sidney Lumet. Henry Fonda spielt darin einen Zweifelnden, der durch Argumente und vernünftige Fragen die anderen Geschworenen von der (möglichen) Unschuld des Angeklagten überzeugt. Hätte Geschworener Nummer 8 einfach einen Beweis auf den Tisch geworfen, wäre der Angeklagte wohl auf dem elektrischen Stuhl gelandet. Eigentlich haben wir es nämlich schon immer gewusst: Beweise nützen nichts.

Es ist Teil einer wirren konstruktivistischen Idee, aber sie selbst passt in ihre eigene Theorie, dass wir gar nicht wahrnehmen, sondern glauben, was wir glauben wollen, weil Denken anstrengend ist. So anstrengend, dass es sich die überwiegende Zeit nicht lohnt. Politik ist dabei nicht das Problem. Die Idee, mit Fakten und Logik könnte man etwas ändern, ist es. Ich überzeuge nicht durch Wahrheit. Überzeugen ist ein langsamer, aufwändiger, anstrengender Prozess, in dem man jemanden da abholt, wo er_sie ist, um sie_ihn voran zu bringen. Dabei geht man selbst auch immer weiter.

Demokratie ist anstrengend, weil wir immer an uns zweifeln müssen.

„Politik“, notierte ich mir heute Abend auf einen Flyer der CDU, „muss Diskussionen haben. Abholen, wo wir sind. Überzeugen – was auch heißt an Orte zu gehen, die uns nicht geheuer sind.“ Dahinter steht in Klammern ein Beispiel: Esoterik. Kann ich jemanden davon überzeugen, dass das Unsinn ist, in dem ich Tabellen zeige? Wissenschaft bemühe? Natürlich nicht. Aber ich kann Denkfehler aufdecken, Zweifel wecken, dort, wo sie vielleicht schon nicht mehr da sind.

Ein anderer Film, wenn auch bei weitem kein solches Meisterwerk, an den ich mich kürzlich erinnern musste, ist V wie Vendetta. Daraus stammt – neben der überall zu sehenden Guy-Fawkes-Maske (Stichwort Anonymous) auch ein V in einem Kreis. Dieses findet sich neben der Aufschrift „heuchler“ als Graffiti auf einem Plakat der Wahlkreiskandidatin der CDU in meiner Heimatstadt. Giftgrüne Farbe. Einige Meter weiter findet sich die gleiche Schmiererei auch auf einer Angela-Merkel-Großfläche.

Als ich es das dritte mal sah – inzwischen waren vier Wochen vergangen – fragte ich mich, warum sie es noch nicht ausgetauscht oder zumindest abgehangen haben. Dann wurde mir klar: Viel Feind, viel Ehr. Oder anders: Um eigene Anhänger zu mobilisieren hilft es, zu zeigen, dass man Gegner hat. Denn niemand zieht in den Kampf, wenn es keinen ernstzunehmenden Gegner gibt (I’m looking at you, Bayernwahl-Wahlbeteiligung.). Ein verunstaltetes Plakat sagt auch: Unsere Meinung gefällt nicht jedem. (Deshalb brauchen wir deine Unterstützung.)

Ein geschubster „Politiker“ kann sich als Widerstand stilisieren – und damit Stimmen fangen. Von False-Flag möchte ich dennoch nicht reden. Trotzdem: Solche Aktionen schaden eher, als dass sie die Ansichten der Ausführenden unterstützen würden.

Niemand glaubt dir, wenn du nicht die Verbindungen in den Köpfen der Zuhörer aufbaust.

Verunstaltetes Wahlplakat
(Wer sich ebenso alt fühlen will wie ich grad: Das war Widmann-Mauz‘ Plakat, als ich das erste mal wählen durfte.)

Parole: Im Zweifel für den Zweifel. Man überzeugt nicht, in dem man anfeindend, in dem man Wahrheiten spricht oder Ideen äußert. Ein giftgrünes „heuchler“ hat eher die gegenteilige Wirkung. Ob „Die Belange der Frauen fest im Blick.“ nicht Manche_n ins Zweifeln führte – oder zumindest zum Schmunzeln? Ich weiß es nicht.

Man kann die Menschen nicht ändern, ließ mich neulich ein Tumblr wissen, man könne die Menschen nur lieben. Ich glaube aber auch, dass man die Menschen, die Dingen, die Orte voranbringen kann, in dem man den Wandel sät. Den letzten Schritt kann ein jeder nur selbst tun, aber den Anfang, beim dem kann ein jeder jedem helfen. Doch, wohin voranschreiten?

Mein Vater ist genauso wenig sicher, was er wählen soll, wie ich. Er überlegt sogar, gar nicht wählen zu gehen. Deshalb hab ich ihm am Sonntag den Kopf rasiert. (Wortwörtlich.)

Natürlich bietet keine Partei ein ideales Programm und es ist kurzsichtig zu glauben, alles würde gut werden, wenn ABC statt DEF oder GHI regiert. Aber Nichtwählen ist keine intellektuelle, informierte Entscheidung, sondern denkfaul. Und feige. Und es ändert genau gar nichts (sonst wäre in Bayern gerade Revolution).

Wenn alle, die unzufrieden sind, eine kleine Partei wählen, dann zieht die in den Bundestag ein. Es gibt mehr als fünf Parteien und der Wahlzettel ist nicht ohne Grund so lange. Es geht nicht um den Kanzlerkandidaten oder taktisches Wählen oder irgendwas. Es geht nicht um Koalitionen. Auf meinem Wahlzettel stehen über 20 Parteien. Es geht darum, sich zu entscheiden. Ich bin der Souverän. Ich darf entscheiden, und wenn mich jemand daran zu hindern versucht, dann ist es meine Pflicht, mich dagegen zu wehren. Etwa, in dem ich eine andere, bessere Partei gründe oder – wenn die Demokratische Grundordnung tatsächlich in Gefahr wäre – diese zurückbringe. Nötigenfalls auch gewaltsam.

Ich bin der Souverän – und das ist unglaublich schwer. Einerseits, weil ich nicht nur kritisch gegen fremde Ansichten vorgehen muss und diese hinterfragen, sondern viel schmerzhafter auch eigene Ansichten hinterfragen sollte. Warum sympathisiere ich mit diesem Politiker? Warum bin ich für diese politische Forderung? Das ist anstrengend und jemanden zu überzeugen ist anstrengender und es tut weh und eine Technokratie wäre so viel einfacher – oder eine Monarchie, oder Diktatur, oder wenn wir einfach alle in der Nase popeln -, aber Demokratie ist das beste System, das wir gerade haben und … Demokratie muss auch ein bisschen weh tun und nichts, was es wert ist zu haben, kommt einfach.

Also, verdammt noch mal, bewegt euren Arsch in ein Wahllokal am Sonntag. Nicht, weil ein Kreuzchen machen so einfach ist und gar nicht wehtut, sondern weil es anstrengend und nervig und ätzend und wert ist.

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