Found my misfortune in the mouth of a cat

Awkward-Mode activated. Ich tapse wie ein Pinguin durch die Flure des wahrscheinlich baufälligsten Gebäudes der Exzellenz-Uni Tübingen. Der Brechtbau steht zwischen Wilhelmstraße und Ammer. Noch. Denn jedes Jahr gibt es neue Kuriositäten zu bestaunen. Dieses Jahr etwa ein Wasserrohrbruch in Seminarraum 415, der sich anfänglich als großes Loch in den Decke, tropfend und Platz wegnehmen zeigte, später den ganzen Raum – hörensagen – einsturzgefährdete. Die Veranstaltungen, die dort untergebracht wären, verteilen sich nun neu über den Campus. Unendliche Reise.

Aber Tübingen ist komisch. Tübingen ist komisch, weil es gefühlt nur noch aus Studierenden besteht und weil wir nun 28.000 sind. Mehr als meine alte Heimatstadt. Mehr als alle Extras in Walking Dead (zumindest fühlt es sich so an). So viele wie noch nie. Sie laufen alle in Grüppchen durch die Wilhelmstraße und reden über Arcade-Fire-Alben und Kneipen mit komischen Namen und sie haben Bärte und Mützen und fahren immer Fahrrad. Tübingen ist komisch, weil wir zugleich Hort einer der letzten Bastionen der Schwanzträger-Seilschaften sind – allein in meiner Straße gibt es mindestens drei Verbindungshäuser, teilweise auch von schlagenden Verbindungen -, trotz dieser Übervorteilung von Männern aber bedeutend mehr Frauen* hier studieren als Männer*. 2013 – sagt die Studierendenstatistik – waren es 15.262 gegenüber 11.144. Und nun sind wir ja noch knapp 1500 mehr.

Und ich watschle da mitten durch. Mit komischen Bauchgefühl und vollem Rucksack. Zombieapokalypse, bis hin zum Bachelorabschluss.

Ich bin einfach kein extrovertierter Mensch und die meisten Dinge, die ich zu sagen habe, sind banal oder stören nur. Am liebsten höre ich nur zu und nehme Positionen ein, um Gespräche interessanter zu machen. Was ich wirklich denke ist doch egal – vor allem mir. Dies gesagt könnte man annehmen, ich würde Small Talk småprat beherrschen. Aber dieser ist dann wirklich eher mindstprat bei mir. „Wie gehts?“ und andere Höflichkeiten sind unglaublich wichtig, und dann kommt diese Leere. Worüber soll ich mit dir reden? Du mit deinem aufregenden, facettenreichen Leben, und ich mit… meinem. Ich klammere mich verzweifelt an Organisatorisches, an kleinste Strohhalme, und verliere dann doch den Halt. Worüber hatten wir gerade geredet? Wer bist du eigentlich und … wie komme ich am schnellsten hier weg. Småprat ist so unglaublich anstrengend und schwierig und ich möchte mich am liebsten unter mein Bett verkriechen, aber ich weiß auch: Das muss. Weil ich dabei sein will und weil ich Menschen kennenlernen will und meine Ängste überwinden will. Nein, muss. Ist der Platz noch frei? Wie war’s gestern? Was geht heute Abend? Hallo, ich bin Sebastian.

Nun wohne ich schon drei Wochen auf engstem Raum mit vier jungen Menschen zusammen, und ich klammere mich immer noch an unsinnigste Themen, schleiche mich in die Küche und zurück und verlasse den Raum, weil ich sonst in die Verlegenheit käme, zugeben zu müssen, dass mir nach „Wie war die Uni heute?“ und „Hast du heute noch irgendwas?“ nichts mehr einfällt, was ich zu fragen wagen würde. Denn allen ist alles so neu, und mir ist alles so gleich.

Manchmal stelle ich mir die Küche als eine Theaterbühne vor, von der wir auf- und abtreten. Die banalen Gespräche der Protagonisten müssten dann nur durch Generationen von Germanisten analysiert werden, um darin eine tiefere Bedeutung zu erkennen. Meine Figurenbeschreibung wäre vielleicht „Erfolgreicher Versager“ oder dergleichen Wortspieligkeit. Über meine Mitwohnenden erlaube ich mir keine derartige Beschreibungsüberlegung. Wäre das eine Sitcom, wären in den peinlichen Pausen wenigstens noch peinlichere Lacher des Publikums zu hören, und nicht das Rauschen des einsamen Weltalls. Und wäre dies ein Theater, dann könnte sich der Vorhang schließen und wir könnten uns verneigen und bald schon eine andere Rolle mimen. Blöde Theatermetapher. Und ab.

Was beschwere ich mich eigentlich hier?

Denn es ist ja auch so: Wenn ich Menschen in meinem Leben haben will, dann muss ich diese Menschen a.) in mein Leben lassen und b.) auch ans Leben anderer anklopfen und um Einlass bitten. Doch wer bin ich, der da an den Toren der anderen bettelt. Früher sagte man einfach: „Willst du mein Freund sein?“ und alles war super. Beste Freunde für immer. Heute läuft das anders, weil die Anderen Strategien entwickelt haben und man eigentlich keine neue Freundschaften mehr schließt. Man kennt ja schon alle. Und ich selbst fühlt mich irgendwie alleine. Ist das jemandes Schuld? Meine, naturligtvis. Weil ich nicht so erfolgreich småpratade, nicht reinpasste oder zu kompliziert war. Ich verstehe mich wahrscheinlich besser mit der Nachbarskatze (von schräg-gegenüber, eine alte, schwarze Katze. Wir sind jetzt Bros.) , als mit meinen menschlichen Nachbarn (Und du denkst gerade: „Jub, meine Kakerlaken sind mir auch wichtiger als du. Warum lese ich das überhaupt?“).

Ich versuche in den Gesichtern meiner Gesprächspartner zu lesen, wo der peinliche Pinguin endet, und ein übergriffiges Verhalten beginnen könnte. Darf ich mich einfach zu einer Kommilitonin setzen? Darf ich mit jemandem reden? Hallo sagen und nach dem Befinden fragen? Darf ich die Mitwohnenden in der Küche ansprechen oder wegen Unsinnigkeiten klopfen, wenn ich mich so leer fühle in einem Haus voller Menschen, dass schon ein „Nein“ auf eine dämliche Frage ein erfüllender, menschlicher Kontakt darstellt? Wenn mein Herz allen Mut zusammen nimmt und anklopft, obwohl ich doch eigentlich die Privatsphäre des Nächsten so sehr wertschätzen will. Aber ich kann das nicht. Eine Katze geht einfach, wenn sie in Ruhe gelassen werden möchte. Aber Menschen sind in Netze eingesperrt, in soziale Konventionen, in Kosten-Nutzen-Abwegungen. Ich würde am liebsten so tun, als wäre ich mit allen befreundet und so all diese Bekanntheitsphase einfach ignorieren. Aber der Luxus, zu Menschen einfach ehrlich zu sein, einfach freundlich zu sein, ohne Angst, ohne Scheu, haben leider nur kleine Kinder und alte Menschen. Wir sind so komisch zueinander. Nicht wir, du und ich, sondern alle mit allen. Wir verhalten uns wie Zombies, dabei sollten wir eher wie Katzen sein.

Wir sollten ehrlich sein und nett, wir sollten auf den Tischen stehen und auf die Welt herabblicken, wir sollten … Ich sollte aufhören mich davor zu fürchten, die Grenzen meiner Nächsten zu verletzen und einfach darauf vertrauen, dass sie wie Katzen reagieren: Krallen zeigen oder weichen.

(Niemand wir mich fressen. Zombiemetapher.)

Andererseits ist es unter meinem Bett doch sehr gemütlich in meiner Pinguinhaftigkeit.

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