Everyone is a fascist.

Heute morgen, auf dem Weg in die Uni, stand ich neben einem Mann mit grauen, zu einem Zopf gebundenen Haaren, der auf Englisch erzählte. Am Morgen habe man ihm gesagt, dass die Deutschen Faschisten seien und dass man damit nun einmal leben müsse. Ich wollte widersprechen, wollte von Antifa und Gegendemonstrationen erzählen, aber ich lese mit wachsender Sorge „Sick Sad World“ (beim Einhorn) und – jaja – auch Fefe und dann unter anderem auch solche Listen. Was ist hier los? Ich stammelte ein paar Wortfetzen heraus, aber statt souverän in meinem besten Schulenglisch zu antworten, formulierte mein Kopf schwedische Konversation, die ich erst noch ins Englische übersetzen musste.

Er erzählte, dass es auch in Irland Nationalisten gäbe, aber keine Faschisten. Selbst in Tübingen fände man nun diese Leute und er hasse sie. Hasse sie aus tiefstem Herzen. Wie kann man nur? Ich glaube, seine Augen wurden feucht und er driftete in diese spezielle Form der Wut ab, die man bekommt, wenn man in einer völlig aussichtslosen Lage ist und sich – scheinbar – die gesamte Welt gegen einen Verschworen hat. Er sagte dann noch, man hätte ihm gesagt, er solle die Faschisten lieben. Die ganze Welt scheint gerade zusammenzubrechen, überall schießen die Nationalisten, „Euro-Skeptiker“ und „Besorgten Bürger“ aus dem Boden und es werden wieder „Schuldige“ gesucht. Das linke Lager hat sich bis zur Unkenntlichkeit gespaltet. Auf Demos sind nur noch Dauerprotestierer und Leute, die für andere Demos werben.

Man könnte Politikverdrossen werden, wenn das nicht hieße, den anderen die Welt zu überlassen. Doch Aufkleber heilen keine Wunden und Petitionen nützen nichts. „Lest Bücher, bildet Banden, bildet Räte und Verbände, bildet euch nicht ein ihr während machtlos und könnt nichts verändern“ rappte Danger Dan 2008. Dabei konnten wir nicht einmal Nemesis retten.

Wir sind die Splittergruppe einer Splittergruppe, die eine bessere Welt für alle wollten, und sich dann über die Farbe der Vorhänge zerstritten.

Es sieht so aus, als hätten wir versagt. Was in Österreich offen als FPÖ hofiert wird und in Schweden gerade als Sverigedemokraterna Stimmen zieht, versteckt sich in Deutschland teilweise in angeblichen „Alternativen“, teilweise zieht sich das faschistoide, rechtspopulistische Gedankengut auch durch die großen Parteien. Und dann sind da wieder kleine Bürgerinitiativen, PI-Leser, Facebookgruppen, ja auch nur Gespräche in der Kneipe. Mir wird schlecht.

(Anmerkung: Ganz bewusst verwende ich hier Begriffe unscharf. Menschenverachtende Theorien/Taten, selbst wenn sie aus den eigenen Reihen kommen, sollten nicht mit „das ist jetzt aber nicht xy“ gerechtfertigt werden können.)

3 Antworten auf „Everyone is a fascist.“

    1. Einerseits ja, es gibt ganz großartige Historiker, die unglaubliche Projekte in ihrer Freizeit umsetzen. Andererseits zeigen viele der Tweets dort doch ein Bild: Das einer Masse an Menschen, die ohne rationelle Gründe anfangen, andere Menschen zu morden und zu verfolgen. Was genau soll den eine Wiederholung der Geschichte verhindern? Und sind nicht Parallelen da? Menschen, die anderen Menschen versuchen zu helfen, werden auch heute noch von wütenden Massen daran gehindert.

      Aber ich bin hier auch in dieser Position, einfach alles schlecht reden zu können, was dir gegenüber nicht Fair ist. Der Funke für die Hoffnung ist da, ja, nur das brennbare Material suche ich noch.

  1. Während meines Amerika-Trips musste ich auch feststellen, dass „I am from Austria“ automatisch die Reaktion „Ahhh, so you´re a Nazi“ mit sich zieht. Man hat überdies automatisch leiser gesprochen wenn es um Immigrationsthemen ging weil der Durchschnittsamerikaner dachte meine Meinung darüber schon zu kennen und, höflich wie die Amis ja sind, hatte man darauf Rücksicht genommen.

    Hat schon einiges an Zeit gekostet die Sache mal halbwegs zu erklären und ja, mir ist auch aufgefallen das es wirklich schwer ist- Österreich kann sich nichts vergleichbares mehr leisten sonst ist es sicher mit der Neutralität (und die ist ja dann doch sehr nett) dahin aber für jedes „There are a lot of people that actually try to make a change“ kommt ein Verweis auf Strache etc. Der Liebe FPÖ Clown rappt ja auch auf Youtube und auch wenn glücklicherweise außerhalb des deutschen Sprachraums keiner versteht was er da von sich gibt- die Sache verkauft sich. DAS ist es, was Leute sich merken. DAS ist der Grund warum mittlerweile selbst Immigranten ihre Stimme für die FPÖ abgeben weil „man selbst ja ein gut integrierter Ausländer ist und es Zeit ist alle anderen Ausländer rauszuwerfen“…. es ist traurig.

    Auch wenn es viele Menschen gibt die diese Ideologie nicht unterstützen so nehmen sie die Sache nicht mal halb so ernst wie jeder desinteressierte Rechte in der FPÖ Landjugend. Links organisiert sich nicht und wenn, dann wollen sie so alternativ sein dass sie die Message nicht rüberbringen und eventuelle Unterstützer verschrecken. Rechts hat die Sache schon raus… leider.

    Und dann sieht man auf Facebook wie Freunde aus der Unterstufe rechtspopulistisches Gedankengut posten, die Kommentare langsam immer Menschenverachtender werden und sobald man sich einschaltet ist man nur noch „so ne linke Zecke“ und alles was man sagt bedeutet ab da nichts mehr.

    Wir haben immer noch viel Aufklärungsarbeit vor uns.

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