Manchmal fühle ich mich wie eine Katze im Stockholmer Wohnungsmarkt.

Abgetippt aus meinem Notizbuch. Datierung 28.12.2013. Darstellungen entsprechen teilweise nicht der Realität. Nachträglich eingefügte Metaphern sind bewusst sinnentleert. Beachte auch Anmerkung am Ende.

Fotobuch

„In jeder Nacht vor dem Schlafen frag ich mich das Gleiche,
was ist wenns nicht klappt, wenn ich nichts erreiche,
mittlerweile bin ich schon sehr lange auf meinem Weg nach oben.“

(Motrip: Die Frage ist wann)

Es gibt nur wenige Fotos, die meiner Familie wert waren, sie zu rahmen. Ein Hochzeitsfoto meiner Eltern hing lange in unserem Flur. Inzwischen wohnt wieder mein Bruder dort – und meine Eltern sind ausgezogen. Das Foto haben sie mitgenommen, wo es nun hängt weiß ich nicht.
Die meisten Bilder sind noch von meinen Großeltern gerahmt worden. Meine Eltern und auch wir waren nie besonders fotowütig und hingen fast nichts selbstproduziertes an unseren Wänden fest. Meine Mormor hinterließ meinem Bruder ein Foto ihrer Hochzeit in einem kleinen Metallrahmen, wie ihn praktisch werksgleich auch ihre Gegenschwieger hatten. Meine Oma sieht darauf unheimlich glücklich aus. Auf dem Foto sind noch eine Menge anderer Personen. Brautjungfern mit Blumenbüscheln, Verwandte, natürlich der Bräutigam. Ich kenne niemand mehr von ihnen.

Ein großes Bild zeigt die Arbeit meiner Urgroßeltern oder auch Ururgroßeltern auf ihrem Weinberg. Auf einem dieser Eimer-Rucksäcke für Weintrauben – Wikipedia meint die würden „Hotte“ oder „Butte“ oder „Legel“ – steht Leonard Gugel. Auch von diesen Leuten weiß ich kaum mehr, als dass sie mit mir verwandt sind und ihr Weinberg inzwischen als Gartengrundstück verkauft wurde. (Möglicherweise verwechsele ich da auch was. Hm.) Meine Mutter selbst nahm viele der Bilder mit. Was mit ihnen geschah weiß ich nicht. Ich habe bei mir daheim unter meinem Hochbett auch eines dieser Fotos hängen. Es zeigt das erste Tübinger Haus meiner Familie (meiner Mormor). Ob das Haus in der Salzstadelgasse noch steht und ob die Fenster noch so klein und zugewachsen und die Stockwerke so eng und niedrig sind und die Menschen darin noch so stolz wirken, wie es meine Ururgroßeltern (?) waren, weiß ich nicht.

Wie es auf der Seite meines Morfar ist weiß ich überhaupt nicht. Nicht einmal sein Vorname will mir einfallen. Nur, dass er Raucher war, bei der Post arbeitete (?) und sehr früh starb, meine ich erinnern zu können. Die Verwandtschaftsverhältnisse über die direkte Linie hinaus – also Onkel und Tanten, Nichten, Neffen, 3. Grades, Katzenschwäger, … – bereiten mir nur höchste Verwirrung. Zumal im Schwäbischen derartige Bezeichnungen auch für Nicht-Verwandte Freunde ab und an zu hören ist. Eine Oma oder ein Onkel sind dann teilweise eng mit der eigenen Familie verwachsen, aber nicht über irgendeine „Blutsverbindung“ – was mir bis heute große Schwierigkeiten bereitet. Verwandtschaftsbeziehungen, allein vom Aufbau her, sind mir ohnehin südschlesische Liegenschaftssteuergesetze. […]

Von meiner Farmor gibt es mehr Bilder. Zum einen hinterließ sie uns eine Unmenge an Gemälden – die sie in ihren letzten Jahren beinahe im Akkord herstellte -, zum anderen Fotos, die an eine Zeit erinnern, an deren Erzählungen und gemeinsame Erinnerungen ich mich nicht zu erinnern vermöge. Da ist beispielsweise das eine Foto, dass meine Farmor – vielleicht Mitte, Ende Zwanzig – grazil mit einer Pflanze in ihrer Hand vor ihrem Blumenladen zeigt. Es scheint ein Schnappschuss zu sein. Sie wirkt so glücklich, als wäre gerade die beste Zeit ihres Lebens. Zwei andere Bilder zeigen meinen Vater. Er als kleiner Junge, einmal zusammen mit seiner jüngeren Schwester, einmal mit einem breiten Alfalfa-Lächeln, Fliege und Hosenträgern in einem weihnachtlichen Laden. Das letzte Foto ist das einzige in Farbe. Meine Mutter, mit keckem Hut vor einem Barockgebäude. Auch sie wirkt glücklich.

Im Flur hängen noch zwei Verwandte, über deren Zuordnung ich nicht ganz sicher bin. Sie posieren vor einem Wald mit Blick über ein Feld, tragen Melonen, Anzüge und Schnurbärte. Mein Bruder gab dem Bild einen neuen Rahmen, damit es besser zu den anderen, bei IKEA gekauften Waldfotografien passt. In Ermangelung ihrer echten Namen habe ich sie Hans und Franz getauft. Es lebt niemand mehr, der wüsste, wie diese zwei Menschen heißen – und warum ihr Foto so wichtig war, es zu vergrößern und einzurahmen.

Im Wohnzimmer lagern zwei dunkle, schwere Gemälde. Sie stammen aus der Jugend meiner Farmor. Daneben sehen die vielen jüngeren Bilder aus ihrem Pinsel fast albern aus, so als stammen dies jüngeren nicht aus ihrer Hand, sondern einer gerade erst lernenden. Die schweren, eine Waldszene zeigenden Gemälde dagegen nötigten mir immer höchsten Respekt ab. Auch, wenn ich weiß, dass sie von meiner Großmutter stammen – wie gesagt, aus ihrer Jugend -, so schaffte ich es über Jahre hinweg nicht, diese mit ihr in Verbindung zu bringen. Jetzt, wo sie verstorben ist, wirken die Bilder wie ein Relikt einer vergangenen Zeit, wie eine Metapher, deren Sinn man nicht mehr versteht oder eine Geschichte, die niemand mehr zu erzählen weiß.

Fotobuch

Was ist, wenn mein besten Zeiten schon vorrüber sind? So, wie meine Farmor ihre gelungensten Bilder mit 20/30 malte (zumindest gehe ich davon aus) und mit ihrem Laden am Anfang am glücklichsten wirkte, und so wie meine Mormor schon nach kurzer Ehe verwitwete, und meine Mutter ihren Vater nur wenige Jahre kennen durfte, so wie sie alleine drei Kinder groß zog und so wie meine Farmor lange Jahre verabscheut wurde, weil sie nicht von hier kam und die zweite Frau (50+ Jahre lang) meines früh verwittweten (nach 3 Jahren Ehe?) Farfar war; so wie mein Bruder und seine (und auch meine) Freunde nicht mehr so viel von Neuem reden, sondern von Vergangenem (Schulzeit, Ausbildung, vergangene Treffen) und Entgültigem (Haus bauen, Familien gründen); so wie meine Eltern jedes Jahr unzufriedener zu werden scheinen mit ihrem Geschäft, so sind vielleicht auch meine besten Jahre schon vorbei. Meine besten Texte sind vielleicht schon geschrieben, meine besten Gedanken schon gedacht. Dabei habe ich keine_n Partner_in, kein Haus, keine Ausbildung und vielleicht auch kein richtiges Ziel.

Der Sohn meiner Faster spielt annähernd perfekt Klavier, ist in Vereinen organisiert, hat Partnerin, Ausbildung und Beruf – und ist dabei weit jünger als ich. Meine Mitbewohnerin, obwohl nur ein Jahr älter, hat schon ihren zweiten Bachelor gemacht und arbeitet nun am Master.

Warum bin ich nicht so weit?

Habe keinen so großen Freundeskreis? Heirate nicht? Bin nicht in einer ernstzunehmenden Ausbildung? Arbeite kaum, lese wenig, schreibe fast nichts mehr? Warum spiele ich weder Instrumente noch kann eine Programmiersprache? Wahrscheinlich, weil ich am Ende des Tages doch zu introvertiert bin. Ich brauche viel Zeit. Ruhe, Ablenkung. Richtig produktiv bin ich nur wenige Stunden – und auch nur zu bestimmten Zeiten. Macht mich das zu einem schlechteren Menschen? Weil es mich manchmal aufzehrt, mit Menschen zusammen zu sein? Weil ich prokrastiniere? Ich glaube, die Würde liegt nicht in der Leistung fest – aber vielleicht glaube ich das auch nur, weil ich mich sonst aus der Gesellschaft verstoßen müsste.

Die Bilder meiner Vergangenheit sind gleichgültig. Sie zeigen Lanweiligkeiten. Treffen mit Menschen, zu denen ich keinen Kontakt mehr habe. Früher war ich oft im Kino, fühlte mich wie ein Weihnachtsbaum im März, schrieb gute Texte. Heute warte ich, bis mir etwas einfällt – oft Stunden und Tage. Aus Scham schreibe ich schlechte Texte über Hamburger und dumme Listen. Ich habe Angst, dass ich irgendwann aufwache und weiß, dass da nichts mehr kommt.

Und heute erwachte ich und wusste, dass aus mir nichts mehr wird. Ich mag vielleicht glücklich sein ab und an. Mag mich über Katzen freuen, mag zufrieden werden und lächelnd in mein Grab steigen. Aber es wird nichts geben von mir, was bleibenswert ist. Ich werde nichts zurückgeben können. Werde nichts weiterreichen, nicht produktiv sein. Ich kann nichts, ich bin nichts, ich will nichts und ich werde nichts. Ich kann damit leben, wenn meine besten Zeiten vorüber sein sollten, nur, dass ich damit die Menschen, die ich mag und schätze, enttäuschen werde, bereitet mir Unwohlsein.

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Anm.: Vielleicht muss ich mir manchmal sagen, dass ich nichts schaffe und nichts irgendeinen Wert hat, damit ich keine so große Angst vor Scheitern habe. Vielleicht schaffe ich nur so die Dinge, die ich mir vornehme. Vielleicht komme ich nur so damit klar, dass die Schultern, auf denen ich stehe, mir inzwischen so bewusst geworden sind, wie der Eidotter dem Pfannenboden.

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