Meine schlechteste Eigenschaft

Es ist schon ein paar Wochen her, da saßen wir, also ich und die drei bezaubernden Menschen, die ich Freunde nenne, weil sie meine Freunde sind und ich die allermeisten anderen Leute nicht regelmäßig ertrage – was wohl auch auf Gegenseitigkeit basiert – und ich hoffe auch, dass diese drei bezaubernden Menschen, die ich Freunde nenne, mich auch als Freund betrachten – obwohl ich mir darüber nicht sicher bin und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr packen mich die Zweifel und letztlich auch die Angst, doch völlig allein zu sein -, in einem überteuerten Burgerlokal, von dem wir uns eigentlich geschworen hatten, dort nicht mehr hinzugehen. (An dieser Stelle herzliche Grüße an alle, die Deutsch gerade erst lernen.)

Bergen Vater

Nach einigen Gesprächen über dies und jenes, machte ich mich bereit, zu erzählen, was ich schon seit einigen Monaten vor mir herschob. Ich hatte mein eigenes Verhalten betrachtet und war zu einem Schluss gekommen, der mir Erwähnenswert schien, und ich wollte wissen, ob meine Freunde eine ähnliche unabänderliche Ideologie in sich tragen würden. Ich verzichte darauf, zu erwähnen, welche schlechte Eigenschaft meine Freunde hatten, und erwähne nur, wie wir dies nannten. „Was ist deine Pflege?“ fragte ich, referierend auf eine ältere, köstliche Meinungsverschiedenheit mit einem anderen Freundepaar, dessen Freundschaft ich nur in unregelmäßigen, aber aufwühlenden Dosen erfahre. Damals war es kurz vor der Bundestagswahl und wir saßen in ungewohnt großer Runde zusammen und stritten ungewohnt heftig, aber auch ungewohnt erfüllend über die Frage, warum eine aus unserer Mitte sich der Wahl verweigere. Sie habe, verteidigte sie sich, alle Programme studiert und habe für das ihr wichtige Thema nichts gefunden. Es müsse eine Pflegerefom geben, und keine Partei mache da etwas. Ich will mich hier nicht in Details verlieren, aber es endete damit, dass sie bei ihrer Meinung blieb und wir vor lauter Diskutieren Knäule aus unseren fusselig geredeten Mäulern erbrachen. (Metaphorisch.)

„Was ist deine Pflege?“ fragte also nach einer ideologischen, festgefahrenen Ansicht, die man nicht wegdiskutieren könne, obwohl man über deren Schädlichkeit durchaus bewusst war. „Was deine Pflege ist, ist klar: Du bist’n Linker.“ sagte mir mein Freund. Ich verneinte und offenbarte, was ich nun auch hier nach langem Abwegen zugeben will. Ich versuche regelrecht zwanghaft Gendergerecht zu sein. Ich ekele mich – körperlich – vor Heteronormativität und lehne Einschränkungen der Sexualität (bzw. von Beziehungen) ein, die über die folgenden drei Einschränkungen hinausgehen: 1. Einverständnisfähigkeit aller Beteiligten 2. Einverständnis aller Beteiligten 3. Kein Schaden Unbeteiligter. Das schließt Pädophilie aus (aus Mangel an 1), erlaubt aber einverständlichen Kanibalismus, jede Form von Kunst, erlaubt Homosexualität, Inzest (wobei hier eine Einzelfallabwägung bezüglich 3 erfolgen müsste), Objektsexualität, Knullkompis, stellt aber durchaus Affären in Frage (wegen 3).

An sich würde dies noch lange keine „Pflege“ machen, in meinem Fall führte diese zwanghafte Gendergerechtigkeit zu einer mich nachhaltig verunsichernden Praxis. Anstatt wie in meiner Jugend Mädchen hübsch zu finden und durchaus auch einmal einen schwärmerischen Blick zuzuwerfen („Keep staring, boy. It’s okay“), schwärme ich nun auch für männlich konutierte Lebewesen. Will sagen: Ich finde auch Jungs cute. Heißt das, ich bin schwul? Nein. Ich kann nur nicht ausschließen, einen Menschen in meinem Leben zu treffen, den ich lieben könnte. Ob diese Person eine Frau, ein Mann, jemand ohne Geschlecht, ja letztendlich sogar ob diese Person überhaupt ein Mensch ist, ist doch egal. Wieso sollte ich von vornherein sagen: Mit der einen Hälfte der Welt will ich aber nur befreundet sein. „Mir begegnete noch kein Penis, von dem ich dachte, daran will ich lecken, aber wieso sollte ich das ausschließen?“ sagte ich. „Wieso sollte ich ausschließen, mit einem außerirdischen Katzen-Wesen zusammen glücklich zu werden, dass mich als Haustier halten würde und mit mir schmusen?“ Insgeheim, dachte ich, wäre ich am liebsten eine Katze. (Solange ich Einverständnisfähig bin, einverstanden und damit nicht das Ende der Menschheit heraufbeschwöre?) Warum sollte ich ausschließen, eine Beziehung mit jemadem einzugehen, die nur daraus besteht, dass wir uns gegenseitig in Luftpolsterfolie einwickeln und dann durch die Wohnung pogen? Ich sehe nicht ein, dass eine Gesellschaft auf etwas anderem aufgebaut sein sollte als glückliche, langfristig angelegte Beziehungen. An jeder Beziehung muss gearbeitet werden, niemand funktioniert einfach so toll miteinander. Aber ob daraus Kinder entstehen (können), ob damit Steuern gespart werden können oder ob Gott das cool findet, ist doch nebensächlich. Selbst das Interesse hinter einer langfristig angelegten Beziehung ist nicht von Belang. Wollen Personen knull-en? Kuscheln? Knutschen? Oder nur nicht alleine den Fernseher anschreien?

Das ich hier von „langfristig angelegten Beziehungen“ rede ist wiederum problematisch. Denn auch kurzfristige Beziehungen – oder keine Beziehungen – können erfüllend für Beteiligte sein. Ich fände es nur interessanter, mit jemandem länger zusammen zu sein, so dass sich verschiedenste Gefühle sammeln können über die Zeit der Bekanntschaft. Am liebsten wäre es mir noch, eine Bekanntschaft müsste überhaupt nicht enden – auch wenn sich deren Umstände und Kontexte ändern. Dies gesagt bereue ich es, keinen Kontakt mehr zu den Menschen meiner Vergangenheit zu haben. Andererseits fehlt es da wohl vor allem an meinem eigenen Einverständnis. Will ich mit meiner Vergangenheit etwas zu tun haben oder gibt es nicht gute Gründe, diese als Vergangen anzusehen?

Bei einem WG-Fest etwa streichelte ich neulich – weil mir danach war und ich ein jeden freundlich (und vom Fachschaftsglögg völlig betrunken) fragte – durch eine ganze Menge Bärte. Das ganze war in keiner Form sexuell, aber muss für Außenstehende durchaus irritierend gewirkt haben. Das große Problem an diesem Denken ist nämlich, dass Einverständnis nicht eine feste Größe ist, kein binäres System aus „Ja“ und „Nein“, sondern von Gefühlsschwankungen, -wellen und Momenten abhängig. War ich vielleicht vor einem Moment noch völlig ok mit einer Dreiecksbeziehung, so erscheint mir das Teilen müssen eines Menschen mit einer dritten Person vielleicht nun wie ein kleiner Weltuntergang. Während ich verstandesmäßig eine Sache möglicherweise begreife, mag das innere Kind in mir sein Schäufelchen nicht teilen. Diese Ungenauigkeiten treffen nicht nur auf Frage 2, sondern auch 1 und 3 zu. Als wäre das nicht ohnehin kompliziert genug.

Ich bin mir also durchaus über die Probleme dieser Denkgrundsätze, ja -regeln, bewusst. Dennoch verteidige ich sie und kritisiere jede_n, die_der nicht mindestens ebenso denkt. Als Extremposition finde ich es etwa völlig unsinnig, Pädophilie abzulehnen, weil es Kinder sind, eben, weil „Kind sein“ eine kulturelle Errungenschaft ist und noch bis vor wenigen Sekunden beispielsweise Kinderarbeit eine völlige Alltäglichkeit war. Pädophilie sollte abgelehnt werden, weil Lebewesen andere Lebewesen zu Dingen zwingen oder bringen, die diese in dem gebotenen Ausmaß (noch) nicht begreifen können. Dinge abzulehnen, weil sie sich nicht gehören, halte ich für höchst schwierig. Wenn nicht erklärt werden kann, warum etwas abzulehnen ist – und zwar ohne Erklärungslücke -, dann kann man diese Dinge schwer ablehnen. (vgl. diesen Comic)

Unsere Unterhaltung auf den gelb-blauen Ledersitzbänken war höchst aufwühlend, aber auch sehr befreiend. Wir redeten dann noch ein wenig, nach welchen Eigenschaften ich Jungs süß fände, denen ich hinterher sehe. Ich fühlte mich akzeptiert und verstanden.

Vielleicht ist meine schlechteste Eigenschaft auch nur eine Form der Selbstgerechtigkeit, die junge Menschen heute viel zu oft gegenüber der Welt hegen. So zu tun, als wäre man besser, weil man bestimmte Dinge denkt oder tut, macht letztlich nur arrogant. Und das ist auch eine schlechte Eigenschaft von mir.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.