TüBurger – Burgermeister

In meinem ersten Studienjahr wohnte ich ein paar Wochen im Haus meiner Großmutter. Sie war in Kur und ich sollte da sein, falls die Heizung in der Gärtnerei ausfallen würde. Ich studierte damals noch Theologie und es war das erste mal, dass ich alleine wohnte. Es gab kein Internet, aber ich hatte meine Konsole dabei und verbrachte einige Zeit damit, in GTA San Andreas die Flugschule zu meistern. Außerdem schrieb ich meine erste Hausarbeit. Abseits des Internets hatte ich viel Gelegenheit mich zu konzentrieren, und nach einer weile vermisste ich es auch nicht mehr (so sehr). Es war kalt und der große Parkplatz zwischen Tor und Haus war oft spiegelglatt. An einem Abend, es schneite und ich froh bitterlich, holte ich mir auf dem Nachhauseweg durch Tübingen und nach Rottenburg einen Hamburger vom Burgermeister. Über einen kleinen Hof, eine Treppe hoch, durch einen Flur, dann noch einen, um eine Ecke und dort begrüßten dich zwei freundliche Männer. Der Laden war so versteckt und unmöglich, dass man sich fühlte wie in einem Märchen. Ich bestellte mir einen Burger, zahlte brav meine 3 Euro dafür und ließ ihn einpacken.

Er duftete so herrlich und war auch nach 30 Minuten Nachhauseweg noch ein bisschen warm. Zumindest, im Vergleich zu meinem durchgefrorenen Ich. Ich schälte den Burger aus seiner Klappdeckel-Verpackung, die Soße tropfte, das Fleisch saftig, das Brötchen perfekt. Meine Fingerspitzen fühlten das noch lauwarme Fleischsandwich. Aber es war egal, dass er nur noch lauwarm war. Ein guter Burger schmeckt auch noch kalt. Endlich beiße ich rein. Engel tragen mich in den Himmel hinauf. Ich fange fast an zu weinen, beiße ein weiteres Stück ab. Das Fleisch. Die kleingehackten Zwiebeln, die sich mit der Soße mischen, das Salatblatt, das Brötchen, einfach alles. Die Soße? Die Soße! Der Burger explodiert in meinem Mund, ich möchte Lieder schreiben, die diesen Geschmack beschreiben, aber sie wären nicht fähig, seine Schönheit zu beschreiben. Ich tanze mit den Engeln und singe mit den Chören des Himmels.

Plötzlich fühle ich mich richtig. Fühle ich mich willkommen. Fühle mich daheim. Als hätte der Burger seine fleischigen Arme um mich gelegt und mir in einem emotionalen Heimlich-Manöver alles an Schmerz herausgedrückt, was da in mir schlummerte. Götter müssen diesen Burger gemacht haben. Ich will mich verneigen vor den beiden Burgermeistern und ihnen einen Tempel errichten. Vor dem Fenster schneite es einfach weiter. Die Welt war ganz ruhig geworden. Bevor ich mir die Freudentränen wegwischen kann, ist der Burger auch schon in mir verschwunden. Es sind Schmetterlinge im Bauch. Es ist die Liebe, nichts anderes.

Der Geschmack der Soße bleibt noch eine Weile im Mund, so, wie man manchmal noch nach einem geliebten Menschen riecht, nachdem man diesem schon einen Abschiedskuss geben musste. Ich war für ein paar Minuten mit mir und der Welt im Reinen. Alles was passiert war, alles was noch passieren würde, war in diesem Moment egal. Es gab nur mich und diesen Burger. Nur mich und der Geschmack der unglaublichen Soße, wie ein warmes Bett an einem kalten Wintermorgen, wie eine Umarmung, die man nicht mehr loslassen möchte, und die man noch spürt, auch wenn sie dich schon längst losgelassen hat.

Jeder Burger-Esser hat eine Geschichte wie diese, vom angeblich besten Burger, und man streitet sich dann in geselliger Runde darüber bei einem Bier und Pommes – so wie damals die Philosophen. Und so wie die Tempel der Götter längst Anderen geweiht sind, so ist auch Tübingens Burgermeister nun unter neuem Management.

Ich sage nicht, dass die Burger nun schlechter wären. Ich aß dort – verteilt über das Wintersemester – nun meinen dritten Hamburger, teilweise daheim, teilweise dort, mal mit Pommes, mal mit Bacon und Jalapeños (die gab es beim alten Besitzer nicht im Burgermeister). Die Burger sind solide gemacht, die Soße hinterlässt immer noch den umarmenden Nachgeschmack. Aber irgendwas fehlt. Zweifellos einer von Tübingens besten Burgern, aber… ich spüre einfach nicht mehr die Liebe.

Die Burger sind gut, auch wenn Brötchen und Bulette kleiner wurden, die Pommes nicht der übliche Standard-Quatsch, die Soße immer noch sehr gut, und ich bin zuversichtlich, dass die Burgermeister-Burger wieder besser werden werden. Außerdem dürfte der neue Standort (nicht mehr versteckt oben im zweiten Stock, sondern unten auf Straßenhöhe in einem großen, ehemaligen Gemüseladen) in Zukunft noch ganz interessant werden. Und natürlich: Die weiterhin unglaublich langen Öffnungszeiten (Freitag und Samstag bis 5 Uhr). Es gibt also viele Gründe, den Burgermeister noch nicht abzuschreiben. Aber ob sie je wieder so gut sein werden wie in meiner Erinnerung wage ich zu bezweifeln.

489 von 500 zu Hackfleisch verarbeiteten Engelschören.

Webseite, YouTube-Werbespot, Facebook-Seite. Review des alten Burgermeisters bei einem anderen Blog.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.