Studierenden-WGs als Nicht-Orte.

(Abgetippt und korrekturgelesen aus meinem Notizbuch. Datiert mit 10. Dezember 2013. Der Text spiegelt nicht meine Ansichten wieder, sondern spielt lediglich mit dem Nicht-Ort-Begriff.)

Tür

Ich wache auf. Mein Kopf. Wo bin ich? Das Bett quietscht. Eine alte Matratze, durchgelegen, muffig, vielleicht piekst mich eine Bettfeder, vielleicht ist es auch ein Kugelschreiber. Bücher, Kopien, Texte stapeln sich wie kleine Heiligtümer, die einer Gottheit geweiht sind, die ich nicht kenne. Ein alter Sessel mit Rotweinflecken und anderen Undefinierbarkeiten, kein Möbelstück passt zueinander, aber sie sind alle gleich abgegriffen und verrottet. In der Küche sammeln sich leere Bier- oder Weinflaschen und im Kühlschrank noch Essensreste vom Vormieter. Es gibt keine Butter, aber immer kühles Bier. Ich schließe den Kühlschrank.
An der Wand ein Poster von Pulp Fiction. Wahrscheinlich haben sie den Film nie gesehen. Vielleicht hört man ein paar Gesprächsfetzen auf Russisch, Schwedisch oder Deutsch, aber was ändert das schon. Vielleicht steht irgendwo ein überquellender Aschenbecher. Vielleicht gibt es junge Männer oder junge Frauen und man könnte versuchen mit ihnen zu reden, aber auch das bliebe hoffnungslos. Studierenden-WGs sind Nicht-Orte und als diese „schaff[en sie] keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit.“ (Augé 1994, 121. Zitiert nach.)

Die Wohnform der Menschen, die die Weltrettung auf Morgen aufschieben, kann nur und ist nur ein Nicht-Ort, weil es sich bei ihnen auch um Nicht-Menschen* handelt. Ihr Sein bestimmt sich durch ihre Destination. Nicht ihre Individualität, sondern ihr Wunsch, etwas zu werden, etwas zu sein, zeichnet sie aus.

Ich fühle mich auf eine komische Art zuhause. So, wie die Menschen, die um die Welt reisen, um Starbuckse zu besuchen, ein komisches Gefühl von Zuhause verspüren, während sie in Novosibirsk an ihrem dreifach Latte mit entkoffenierter Zartbitterschokolade sippen. Ich nehme an, ohne diese Menschen wirklich zu kennen, dass wir soetwas wie Freunde seien. Soetwas wie eine Gemeinschaft. Aber eine Identität, eine Relation schaffen diese Räume und diese Studierende nicht, allenfalls in Umkehrung und Abgrenzung zu Orten und Menschen.


*„Und was studierst du?“

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