THE ONE WITH THE KONSERVENMENSCHEN

Beschaeftige dich alleine sagt der Elternteil.

Hmpf. Der Jugendliche zückt das Handy. Irgendein Spiel flackert über den Berührbildschirm. Ich sitze mit Freunden im Auto und wir schweigen. Ich taste diesen Text zusammen. Der nette Mensch neben mir spielt irgendwas. „Ich beschäftige mich allein“ ist das nicht. Im Gegenteil. Es ist Instant-Gesellschaft. Ein Computerspiel, ein Buch, ein Text sind menschlicher Kontakt aus der Dose. Zum Aufbrühen und einsam gemischt mit salzigen Tränen löffeln.

Dabei sind doch andere Menschen da! Aber ich druckse mich auch vor echten Menschen. Nutze die Simulation. Das Aufgebrühte. Es ist wie mit dem guten Abendessen. Es erfordert Übung, Kenntnis und… Mut. Mir fehlt es an allem. Aber ich will mir nichts warm machen. Keine Tütensuppe. Lieber ist mir, dass mein Selbstgekochtes versalzen ist. Eklig. Ungenießbar. Dann ist es wenigstens meins.

Vor wenigen Wochen saß ich an einer dieser unmöglichen Bushaltestellen, an denen in deiner Abwesenheit Bus nach Bus vorbeirollt, aber sobald du wartest, nur noch das Ruthenische Salzkraut. Ich zückte also meinen Hosentaschenbildschirm und schrieb mit einer jungen Frau, mit der ich mich zu verabreden gesuchte. Wir trafen uns dann schließlich gegen halbzwei in der Nacht und ich übergab ihr mit einem halbschlafenen Lächeln die Pizza, die unser Gefrierfach seit gefühlt Monaten belegte, ohne dass irgendjemand Anstalten machte, diese verzehren zu wollen. Ich tauschte also Raum im Gefrierfach gegen ja-Pizzas. Sie bedankte sich sehr, aber ich war dann schon zu verschlafen, um Freundlichkeiten auszutauschen.

Jedenfalls saß ich da und verabredete mich mittels Facebooknachrichten. Eine Frau mittleren Alters sprach mich darauf an. Dass „ihr jungen Männer“ vertieft in diese Mobiltelefone gar nicht mehr mitbekommen würden, wenn eine Frau vorbei läuft. Ich sagte ihr, und es war doch ein recht kurzweiliges, freundliches Gespräch, dass es wohl auch mit einem Buch nicht anders wäre. Wenn man in etwas vertieft sei, dann vergisst man eben die Welt um sich herum. „So geht es Ihnen sicher auch manchmal.“ Wir wünschten uns in aller Form einen schönen Tag und sie verschwand und ich verschwand zurück in meine Bildschirmwelt.

Tatsächlich produziere auch ich gerade eine Tütensuppe. Du liest das hier, anstatt mit mir darüber zu reden. Ist das schlimm? Ist das schlimm, dass du dir nachher noch einen Comic durchliest, ein Buch durchblätterst, Musik von CD hörst, einen Porno anschaust oder eine Folge Seinfeld streamst oder deine Notizen durcharbeitest? Suggestivfrage, Verzeihung.

Vermutlich macht es auch hier die Mischung. Live-Menschenkontakt – egal ob die Menschen dir gegenübersitzen oder über Geräte vermittelt sind -, gemischt mit Konserven – und auch da entscheidet die Auswahl (Die ja-Erbsen-Würstchen-Eintopf-Dose ist da eher so… meh, Ravioli kann man dann aber durchaus mal essen.) – und dem eigenen produzieren.

Wer nämlich nur Zeug (mit)liest und abhört, ohne selbst Inhalte zu produzieren – wie es eben bei Live-Menschenkontakt notwendig ist -, der wird irgendwann… komisch. (Und wir wissen alle, auf welche freundliche Definitiv-Nicht-Raumfahrt-Behörde ich hier anspiele. D’oh.)

5 Antworten auf „THE ONE WITH THE KONSERVENMENSCHEN“

  1. Hmm, da kommt mir in den Sinn, was ich neulich einer (älteren) Kollegin erzählt habe, um meine viel zu gigantische Blograte zu erklären. Das Schöne und Nützliche daran ist am Ende doch, dass man nicht einfach so drauf los bloggt, sondern vorher irgendwas erleben muss – es sei denn man füllt sein Blog mit Fantasygeschichten, aber selbst dann, irgendwie … war das jetzt eine Themaverfehlung, ne, glaube nicht.

    1. Passt. Weil du ja a) sagst, dass Contentproduktion „reales“ Leben benötigt (vgl.), also Konserven letztlich aus frisch gekochtem gemacht werden und b), dass das Fertigen von Konserven dich ja auch zu frischer Kommunikation darüber führt.
      Was denkst du darüber, wenn Leute nur diese Aufkoch-Gesellschaft konsumieren? Also Nicht-Kommunikative-Spiele spielen, Bücher lesen, Blogs verschlingen, nur Fremdes aufsaugen, aber nichts produzieren?

      1. Da kommt mir jetzt die Frage in den Sinn, kann man überhaupt nicht nicht-kommunizieren? Aber das arbeite ich lieber andermal aus …

        Die einfache Antwort wäre natürlich, das entscheidende Wort ist „nur“ und eigentlich kommt es auf die Mischung an. Denn mal statistisch betrachtet, selbst aktive Blogger, wie wir beide konsumieren doch in der Regel auch nur Blogs und kommentieren steht in keinem Verhältnis zum lesen, oder?

        Ich glaube auch, dass das völlig in Ordnung ist. Eine Welt in der jeder etwas kreativ produziert, wäre sicherlich sehr interessant – aber auch erstrebenswert? Allein für jene, die so oder so zum Beispiel schreiben, wer hätte da noch Zeit in Ruhe zu konsumieren. Und auch wenn man natürlich in erster Linie für sich selbst schreiben sollte, man will doch auch gelesen werden. Und irgendwie ist das kreative produzieren ja auch eine Art von Kommunikation, die, wenn niemand mehr konsumiert, völlig ins Leere geht. Das wäre dann eher eine Kommunikation, bei der sich alle in einem Raum versammeln und laut (oder leise) schreien.

        1. Ich verneige mich für das Bild mit den in einem Raum versammelten Leuten, die laut (oder leise) schreien.

          Und dass wir natürlich viel lesen, aber kaum kommentieren stimmt auch. Wenn ich überlege, wie viele Beiträge ich heute überflog und wie wenig ich selbst schrieb oder kommentierte… Herrje. Andererseits ist es wohl unmöglich mit allen und allem mitzuhalten.
          Aber… es würde doch an meinem Ego nagen, müsste ich zugeben, dass die Leute, die Sprüche bei Twitter sehen und sie zu Facebook-Fotos machen, so kommunikativ-produktiv sind, wie wir mit unseren ungelesenen unkommentierten Blöggen. Aber das ist ja ein ewiges Thema.

          Hat sich eigentlich durch die Umstellung deiner Kommentarfunktion von WordPress-eigen zu Disqus die Kommentaranzahl oder -qualität geändert? Oder wirst du mehr mit Verlinkungen belästigt als mit selbstgeschriebenen Kommentaren? (Und ist das nicht ziemlich dreist, dich hier mittels solcher Fragen zu einem dritten Kommentar zu verleiten? ;) )

          1. Nö, die Kommentarquote ist genauso erschreckend niedrig wie immer. :-) Aber mein Spamproblem hat sich damit mit einem Schlag erledigt.

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