Unbenannt

LOL

Nicht nur Klickfarmen wissen: Der Titel ist alles. 79.860 Bücher sind alleine 2012 neu erschienen. Das Verzeichnis Lieferbarer Bücher sprach einmal von 1,2 Millionen Titeln, die verfügbar seien. Allein auf dem deutschen Markt. Dazu kommen unglaubliche Mengen an Büchern, die in Bibliotheken liegen, in privaten Kellern und natürlich – Achtung, imaginärer Regenbogen – dem Internet (BÄNG).

Täglich benennen tausende von Müttern das Produkt ihrer Bäuche und die Menschheit richtet sich danach. Dieser neue Mensch ist also John-John. Freut mich dich zu treffen, John-John. Ich bin der Name, den meine Mutter mir gab. Darüber schreibe ich ein anderes mal mehr.

Jedenfalls: Ein Name für eine Sache ist unglaublich wichtig. Der Name, der Titel, die Bezeichnung bestimmt, ob du dir die Mühe machst, dich damit zu beschäftigen. Ein schlechter Titel ruiniert die beste Arbeit. Andererseits sorgt auch bei einer mittelmäßigen Arbeit ein sehr guter Titel für hohe Klickzahlen, Talkrundeneinladungen und Buchverkäufe. (Natürlich unterstelle ich damit auch sehr guten Buchtiteln, dass der Inhalt dahinter eher mau sei).

Wenn unsere aktuelle Gesellschaft weiterbesteht, dann wird dies zu einem großen Problem werden. Schließlich werden alle – sinnvollen – Namen schon Verwendung gefunden haben. Oder fällt dir spontan noch ein unbenutzter onomatopoetischer Blogname ein? Nein, heute will ich kein Markengründer sein. Ich wöllte eine Band gründen, aber ihr keinen Namen geben müssen. Ich würde eine Kunstrichtung schaffen, aber ihren Namen den Historikern überlassen.

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Aber das geht nicht mehr. Alles braucht einen Namen. Immerzu wollen wir wissen, was etwas ist. Wollen uns abgrenzen. Sagen Streetart, wenn wir Graffiti meinen. Sagen Urban Music zu Rap und Graphic Novels zu Comics. Weil die alten Worte so abgenutzt sind und nach Dingen klingen, die wir nicht meinen. Wir ringen verzweifelt nach Begriffen, würfeln Namen für unsere Theorien zusammen und erfinden kleine Geschichten, um unsere Namensfindungen künstlerischer und schicksalhafter klingen zu lassen. Auch du bist Dada. Selbst Ortschaftsnamen, bisher praktisch ein bedeutungsfreier Raum außerhalb ihrer topographischen Bedeutung, haben heute in Form von Labenzen zusätzliche Bedeutung gewonnen. Nichts ist mehr es selbst, alles ist ein vermarkteter, peer-group-gezielter, designter Name. Es gibt Unternehmen, die verkaufen nur gute Namen, und keine echten Produkte. Es gibt diese lästigen Domainmärkte, bei denen Internetadressen, die du cool fändest, für völlig utopische Summen gehandelt werden. („deinlieblingsblog.de“? 3000 Milliarden Erdnüsse!)

Nichts ist sich selbst, alles ist sein Name. Und der Wortwandel fühlt sich schneller an, als ich ihn je erlebt hatte. Als ich mein erstes Blog eröffnete, wechselte es so oft seinen Namen, dass ich wohl nicht die Hälfte davon rekonstruieren könnte – leblogcestmoi? -, ich kaufte Domains und muss mir abermals eingestehen: Auch diese Namen sind abgenutzt und gehören längst auf den Friedhof der vergessenen Worte. Noch immer gilt das Konzept „das blog bin ich“, aber das ist kein Blogname mehr – und keine Domain. Und auch der Name dieses Blogs verliert aufgrund seiner topografischen Gebundenheit bald – aufgrund eines Umzugs – seine Berechtigung. Also weg damit und neue Namen her. Nur… welche?

Lasst uns vergessen, wie die Dinge hießen, und den Weg für neue Bedeutungen frei machen. Lasst uns den Dingen neue Namen geben. Lasst Sprache leben. Oder wie meine Großmutter zu sagen pflegte: Gibbel glabbel globb.

Eine Antwort auf „Unbenannt“

  1. mir werden immer gute titel einfallen, die zu meinen inhalten passen, ich verrate sie aber nicht, bevor ich mit ihnen keinen erfolg hatte, damit sie keiner klaut. haha
    dies schrieb
    – der desillusionist

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