THE ONE WITH THE VERSAGENSANGST

Mein Freund ist ein Versager. Er hat auf dem zweiten Bildungsweg seine Fachhochschulreife gemacht, studierte, und schmiss dann sein Lehramtsstudium hin. Das komische am Versagen ist, dass wir es alle tun, ständig, manchmal mit großer Freude, manchmal traurig dreinblickend wie ein einstürzender Neubau. Trotzdem haftet dem Versagen etwas an, ein Gefühl von Schande, von sich schämen müssen. Dabei gehört es dazu, zu versagen. Wer nicht in 90% der Fälle scheitert, der hat sich keine ausreichend hohen Ziele gesetzt.

Ich bin inzwischen ziemlich gut im Versagen geworden. Ich will nicht behaupten, ich sei mit diesem Talent geboren worden, aber über die Jahre wurde ich doch recht gut darin. Seit 8 Jahren bin ich jetzt mit meinem ersten Abschluss fertig – Hauptschule -, seitdem habe ich mich von Niederlage zu Niederlage durchgekämpft. Ich versagte immer höher und großartiger. Realschulabschluss, Abitur, abgebrochenes Studium 1, abgebrochenes Studium 2, zahlreiche Prüfungen nur knapp geschafft oder zwei Anläufe gebraucht. Mein Studium bringt mir höchste Freude, Erfüllung und Geborgenheit. Aber ich verkacke mein Leben damit in einem Maße, welches die großen Meister der Niederlage – etwa die Österreichischen Nationalspieler – ein anerkennendes Nicken abnötigt.

Man kann sich in seinem Versagen einkuscheln, kann sagen, dass man nie etwas erreicht und nichts hinbekommen wird. Das ist bequem und kuschelig und warm und so ziemlich der schönste Platz, neben der kleinen Höhle unter meinem Bett, in der ich gerade sitze und diesen Text schreibe. Aber Versagen kann auch bedeutet weiterzumachen. Mit etwas anderem. In dem man dann wieder scheitern kann. Und dann versagt man bei einer anderen Sache. Und macht weiter.

Das heißt nicht, die linke Backe auch hinzuhalten, wenn man bei der Kneipenschlägerei schon ein Glas über den Kopf gezogen bekommen hat. Aber es bedeutet, noch größer zu Versagen, als man es bisher geschafft hat. Versagen bedeutet nämlich, dass die Ziele, die man sich gesetzt hat, nicht zu klein sind, nicht unbedeutend oder unwichtig.

Mein Freund ist also ein Versager. Er hat sein Studium abgebrochen und dann ein zweites begonnen. Nun ist er Leiter einer Einrichtung – zu der ich nichts weiter sage, sonst kann man ihn ja doch zuordnen. Dort hat er größeres, ja, riesiges Versagenspotenzial. Das ist nichts schlechtes. Im Gegenteil. Es bedeutet, dass er auf dem richtigen Weg ist. Und dass er diesen Weg auch begeht.

Vielleicht wird das auch mit dem Haus nichts, welches er sich kaufen möchte. Er versagt nämlich bei der Kreditbeschaffung. Er ist also auf dem richtigen Weg. Wäre ja langweilig, wenn alles immer klappen würde.

Und trotzdem… habe ich manchmal Angst. Habe ich Angst, dass es nach dem nächsten Flug zur Sonne endgültig vorbei ist.

2 Antworten auf „THE ONE WITH THE VERSAGENSANGST“

  1. Ach, ich sag immer, ein Studium abzubrechen gehört zu guten Ton … es sei denn man will in einer Bank oder bei einer Unternehmensberatung Karriere machen. Aber wer will das schon?

    Es gibt ja Rollen, die liegen mir nicht besonders, zum Beispiel diesen nervigen Typen zu spielen, der in jedem Misthaufen noch das Positive findet. Aber setzt auf immer höheren Niveau zu versagen nicht voraus, dass man zuvor erfolgreich auf dieses höhere Niveau gelangt ist – also Erfolg hatte?

    1. Na, das versuche ich ja gerade klar zu machen: Versagen (bzw. versagen können) ist etwas unheimlich tolles, weil es die Spitze einer wachsenden Linie von Erfolgen ist. Hätte ich das aber so geschrieben, dann hätte das geklungen, als wäre das Versagen etwas, wovor man Angst haben müsste. Ist es ja aber nicht. Hinfallen gehört zum Prozess des Aufstehens (metaphorisch). Wenn ich die letzten 8 Jahre unglaublich mies im Studium war, dann konnte ich das nur, weil ich zuvor erfolgreich Schulen besuchte, lesen und schreiben und sprechen und laufen lernte – und dabei sehr sehr sehr sehr sehr oft scheiterte, bis ich das doch hinbekam.

      Die Orientierung rein auf Erfolge ist unsinnig. Auch das Scheitern gehört zum Leben dazu. Und das ist großartig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.