Wann sind wir endlich daheim? Wir sind nie daheim.

Heimat ist ein Konstrukt. „Hier bist du Mensch, hier darfst du’s wirklich sein.“ singen die Sportfreunde Stiller in ihrem Heimatlied. „Und das schöne daran ist, dass es all das wirklich gibt.“

Wir alle scheinen den Ort, so banal er auch sein mag, den wir uns zum Leben ausgesucht haben – manchmal gezwungen, manchmal scheinbar frei – zu verklären. Hier bin ich daheim. Hier ist meine Heimat. Das alles wäre ja kein Problem, das Verklären würde ebensogut wie jede andere Selbstlüge funktionieren, wenn wir heute nicht durch Medien andere Heimaten präsentiert bekämen, die noch verklärter, angenehmer oder zumindest anders erscheinen, als der Ort, den wir uns nun ausgesucht hatten.

Wie die Liebe, die nie so echt und rein und toll ist, wie sie der Disneyfilm vorspielte, ist auch Heimat demnach für jede und jeden, welche_r diese Konkurrenz-Konstrukte nicht hinterfragt oder ignoriert, eine ständige, nicht endende Enttäuschung. Was bleibt sind zwei Handlungsalternativen: Das Dekonstruieren des Heimatbegriffs, was im schlimmsten Fall zu einer Entfremdung vom eigenen Wohnort führt, oder das übertriebene Verklären der eigenen Herkunft, was im schlimmsten Fall in nationalen Tendenzen ausartet, wie man sie bedauerlicherweise immer noch an vielen Stammtischen findet.

Heimat ist ein Konstrukt. Meine Heimat ist geprägt von irrsinnigen Traditionen die ich zugleich ablehne und liebe, aber auch von einer Ablehnung von Heimat. Ich bin da zuhause, wo die Antifa „3, 2, 1 keins“ und „Deutschland wegbassen“ klebt, wo Gentrifizierung bekämpft wird und Alte Leute dich freundlich grüßen.

Es ist komisch zu sagen, man hätte sich bisher nie richtig daheim gefühlt, weil man ja nicht wissen kann, ob nicht genau dieses verquere Gefühl, was man einem Ort entgegen bringt, genau das ist, was die Leute mit Heimatgefühl beschreiben. Aber, selbst fühlte man sich daheim, daheim wäre man nie.

Tatsächlich sind wir nie daheim. Tatsächlich können wir uns nur daheim fühlen. Dies eingesehen führt – zumindest bei mir – zu einer Zufriedenheit mit meiner eigenen Verortung auf diesem Planeten, die ich sonst nicht haben könnte. Ich fühle mich daheim, dort, wo ich mich entschieden habe, zu sein. Ich konstruiere mir ein Zuhause, da, wo ich mich niedergelassen habe. Ich versuche, diese Orte besser zu machen, aber ich setzte diese Orte nicht als besser – oder schlechter – als andere Orte da.

Dies eingesehen bedeuten etwa Naturschutzmaßnahmen, die mit Heimat begründet werden, nur ein Spiel mit einer gemeinsamen Illusion, oder freundlicher: einem gesellschaftlichen Konstrukt. Es gibt keinen Grund, hier schlechtes Design – oder gar keines – zuzulassen oder zwangsweise gewachsene Strukturen zu zerschlagen – solange man einsieht, dass gewachsen nicht unbedingt bedeutet, dass dies eine gute Sache ist. (Stammtischargument: Tumore sind auch gewachsene Strukturen.)

Bringt dich die Vorstellung von Heimat vorran? Ist sie produktiv? Oder lässt sie dich zu einem Arschloch gegenüber anderen – die vielleicht einen anderen Ort als Heimat sehen oder auch deinen – werden?

Heimat ist ein Konstrukt. Das bedeutet nicht grundsätzlich, dass es etwas schlechtes wäre. Aber Heimat ist auch nichts per se gutes.

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