Alles endet (aber nie die WG)

(Dieser Text entstand am Vormittag des 21. Februar.)

Ich fühle mich gerade wie Josh Radnor. „This is our last first day. […] Everything is kind of a ‚last‘.“ (quelle) Mein Bett ist verkauft und wartet darauf abgebaut und abgeholt zu werden. Mein neues Zuhause wartet auf einen Anstrich und darauf, dass ich all meine Möbel und anderen Habseligkeiten dorthin verlagere. Heute ist P. da und am Morgen fuhr C. heim. Ich werde sie hier wohl nicht mehr wieder sehen. Nicht als Mitbewohner. Gestern waren wir noch gemeinsam in einer Kneipe. Und davor? Davor kaufte ich mit meinem Bruder ein. Wasser, ein paar Dosen Bier für heute Abend, ein paar Lebensmittel. Es fühlt sich alles an, als wäre es das letzte mal.

War das „die erste eigene Wohnung“? Wenn ja habe ich nur sehr wenig daraus gemacht. Ich war nicht oft weg, hatte kaum Gäste da, drängte mich wenig den anderen auf (zumindest hoffe ich das). Die meiste Zeit studierte ich, sah Serien oder fuhr in die alte Heimat und besuchte dort Freunde. Aber: Ich habe lange keine Leuchtschrift mehr gesehen.

Ich fühle mich hier wohl. Ich fühlte mich unwohl, dem Vermieter mitzuteilen, dass ich ausziehe. Aber ich fühlte mich hier wohl. Nur, mein Gewissen plagt mich, weil ich mich als Parasit fühle, als jemand, der einen Platz belegt, den andere so dringen benötigen. Auf unsere Anzeige in einer Facebookgruppe gab es wohl in wenigen Tagen über 20 Anfragen – dabei sind weder Preis noch Lage wirklich attraktiv und wie großartig die Mitbewohnerinnen sind, nun, das weiß man ja vorher nicht. Im Gegensatz zu diesen Suchenden kann ich bei meinem Bruder wohnen – und das wird wohl sehr wahrscheinlich ziemlich großartig -, und es gibt viele, die diese Wahl nicht haben. Die, vorausgesetzt sie wollen (weiter) in Tübingen studieren, hier wohnen müssen. Also mache ich Wohnraum frei.

In vielen Prospekten steht, dass Tübingen keine Uni habe, sondern eine Uni sei. Das stimmt leider. An machen Tagen hat mir vielleicht der Abstand gefehlt. Es ist alles zu nahe und gleichzeitig zu fern. Ich fühlte mich daheim, ja. Aber abschalten, nicht mehr an die Universität zu denken, nicht mehr diesen Druck auf den Schultern zu spüren, das konnte ich hier nicht. Also fuhr ich weg aus Tübingen. Oft. Zugleich fiel es mir schwer, mich auf die Uni einzulassen. Zu lernen, zu büffeln, mich mit Kommilitonen zu treffen. Die Uni war ja immer da. Auch morgen noch. Wozu also heute anfangen?

Vermutlich ist das meine letzte oder vorletzte Woche hier. Alles fühlt sich an wie das letzte mal. Wie die letzte Chance. Ich lasse sie verstreichen. Ich habe das Gefühl, nun seien alle auf Ausgleich aus. „Wir sind keine Zweck-WG“ stand in der Anzeige drin, die J. in Facebook postete. Sie hat Recht.

Es ist dämlich, ein halbes Jahr hier völlig zu verklären. Ich lebte länger alleine auf einer Baustelle, als mit diesen wunderbaren Menschen zusammen. Aber ich habe sie unverhältnismäßig lieb und hoffe, dass sie mich auch ganz ok fanden. Es endet nur gerade so viel. Und es fängt Neues an. Und ich blicke janusköpfig in beide Richtungen und will lachen und weinen und, dass es nicht vorbei ist, und, dass das Neue schon anfängt.

Eins habe ich mir aber fest vorgenommen: Ich werde zurückkommen. Werde versuchen den Kontakt zu halten. Gast sein, dort, wo ich zuhause war.

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