„Du warst da auch?“

Ich durfte kürzlich in unserer WG-Küche einem Schauspiel beiwohnen, welches so und ähnlich jeder schon sehen durfte. Davon gibt es zwei Varianten. Die eine lautet: Ich war in einem Bohrloch am Südpol und freundete mich mit den Erdkern-Pinguinen an, als mir plötzlich mein Nachbar aus Schulzeiten auf die Schulter klopfte. Was für ein Zufall! Die andere lautet: Ich treffe einen Menschen in einer Bochumer Kellerkneipe, rede mit ihr und stelle fest: Wir waren beide auf dieser Feier von Pablo in Argentinien vor fünfunddreißig Jahren. Was für ein Zufall!

In beiden Fällen fallen wir uns in die Arme – und die Pinguine schauen irritiert zu – und rufen „Ach, die Welt ist ein Dorf.“ Aber das trifft es einfach nicht. Wäre dem so, so müsste ein Jeder doch die Welt kennen. Dann müsste Rassismus, müsste Abgrenzung, müsste Fremdenfeindlichkeit ein völlig abwegiger Gedanke sein, wenn doch die Welt so klein und hosentaschentauglich wäre, dass wir darin nicht nur unsere, sondern auf die Schlüssel des Nachbarn finden.

Die Welt ist kein Dorf, die Welt ist eine Filterbubble. Du triffst eben immer nur die gleichen Leute, weil du dich nur mit den gleichen Leuten verstehst und ihr euch eben auf eure Schnittpunkte konzentriert. „Filterbubble“ klingt vielleicht für dich so nach Auswahl von Medieninhalten und nach „Ich will das hören, das aber nicht“. So nach Twitter-Folgen und Facebook-Seiten. Aber Filterbubble gibt es auch in der Offlinewelt. Wir freunden uns mit Menschen an, reden mit Menschen, mit denen wir gut klar kommen und die Chance, dass diese ähnliche Interessen haben („Du magst Island? Ich mag auch Island!“) ist nicht gerade gering. Dass Leute, die reisen und aus einer ähnlichen Filterbubble stammen, auch im gleichen Ort landen, ist auch nicht gerade überraschend.

Das ganze funktioniert, weil Reisen und Wegsein heute eine Alltäglichkeit sondergleichen ist. Ich finde es irgendwie komisch, wenn jemand, der noch nicht einmal 30 ist, mir erzählt, er sei nun zum ersten Mal in Amerika gewesen, als wäre es eine Unmöglichkeit, dort nicht zumindest 3 Jahre lang in einer Tanzschule auf Kuba Samba für körperbenachteiligte Kleinkinder unterrichtet zu haben. Ich verstehe das nicht. Reisen ist für mich noch immer etwas besonderes. Selbst die Fahrt in eine Nachbarstadt überlege ich mir gut. Ich bin da wohl einer der letzten Udo Jürgens unserer Zeit („Ich war noch niemals…“) und dies geschrieben finden sich in den Kommentaren sicherlich Dutzende, die ebenso keine Weltreisenden sind und waren. Weil die Welt eben eine Filterbubble ist.

Das ironische ist ja: Weil sie sich unterscheiden wollen, machen alle irgendwie das gleiche. („FSJ in Australien? War ich auch.“) Immer sind es ferne Orte an denen die anderen sind und waren. Und für mich? Für mich war Schweden der Anfang der Welt und Berlin eine unendliche Entfernung (und das ist es immer noch).
Das mag sein, weil ich leicht älter und aus einer leicht anderen sozialen Schicht komme als die Mehrheit meiner Kommilitonen. Eben ein Udo-Jürgen.

Jedenfalls saßen in unserer WG-Küche zwei junge Menschen und sie bemerkten im Gespräch, dass sie wie zufällig im gleichen Zimmer in der gleichen Stadt in einem ebenso kulturell wie geografisch fernen Land schliefen. Sie beschrieben sich gegenseitig ihre Erinnerungen daran und die kleinen Detail, die man nur kennt, wenn man dort war. Es war eine gute Aufführung des immer gleichen Schauspiels und es wirkte, als wären sie danach besser befreundet gewesen als zuvor.

Manchmal frage ich mich, ob dieses „Die Welt ist eine Filterbubble“ auch auf tatsächlich Fernreisende zutrifft. Ob, beispielsweise, Chris Hadfield bei irgendwelchen Partys am Buffet lehnt und an seinem Sekt nippend sein Gegenüber anlacht: „Du warst also auch auf der ISS? Was für ein Zufall!“ „Nun, das Weltall ist eben ein Dorf.“ sagt dann sein Gegenüber.


„Kürzlich?“ fragt Langeweile irritiert. „Ich dachte du wärst da vor gut einem Monat ausgezogen?“ „Naja, ‚kürzlich‘ musst du eher in so einem kosmischen Rahmen sehen. So, wie wir uns ja erst kürzlich kennengelernt haben.“ Langeweile dachte nach. Wann hatten sie sich eigentlich kennengelernt? Dem Nachdenken entrinnend entgegnete sie schnell „Als ob wir uns schon kennengelernt hätten.“ Beliebtsein schwieg, doch dann überrollte ihn eine Lawine von Endorphinen. „Dann machen wir das doch jetzt.“

Eine Antwort auf „„Du warst da auch?““

  1. Schöner Text, schöner letzter Absatz ;)
    Tatsächlich mache ich aber auch immer wieder die-welt-ist-ein-dorf Erfahrungen. Aber wenn man bedenkt, dass man eh jeden Menschen um höchstens 6 Ecken kennt, gar nicht so ungewöhnlich.

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