Du musst auch von Johnnys Ende singen.

Wenn Menschen sterben, dann sprechen die Hinterbliebenen oft nur noch nett von ihnen. Das ist, weil wir unseren Erinnerungen nicht trauen können. Wenn ich gegangen bin, dann will ich nicht, dass man behauptet, ich hätte etwas in meinen Mitmenschen ausgelöst. Ich will nicht, dass man behauptet, ich wäre ein guter Christ, ein kluger Mensch, strebsam oder auch nur ehrlich gewesen.

Wenn mich kalte Erde decken wird, dann werde ich nicht aufhören zu existieren. Das, was ich hier so salopp als „ich“ bezeichne, sind vor allem Erinnerungen und Verkürzungen in den Gehirnen meiner Mitmenschen. Ich wöllte, dass man das erzählt. Niemals „Er war“ sondern „Mir erschien er als“. Das wäre echter und würdiger als dieses Gerede von „Guter Mensch“ und „geliebt“.

Auch dieser Text, so sehr er mir als ehrlich und unverfälscht erscheinen mag, ist letztlich meine begrenzte, subjektive, idealisierende, dem Text untergeordnete Selbstwahrnehmung. Und vielleicht belüge ich mich gerade selbst. Vielleicht fühle ich das gar nicht, vielleicht ist das gar nicht meine Meinung, sondern ich nehme nur diese Abkürzung, diese Eselsbrücke, weil ich damit im Moment besser leben kann.

Ich will nichts verklären. Wenn ich an meine Farmor denke, dann denke ich auch daran, wie wir stritten, wie sie litt und auch, wie sie sich freute. Ich denke an die Dinge, die sie von ihrem Leben hinterlassen hat. Ein Haus voller Sachen. Trigger für Pseudo-Erinnerungen. Wenn ich an meinen Farfar denke, dann an sein Lächeln und wie er bei uns saß, erzählte oder stundenlang schwieg. Und ich denke an die Nacht in der er Gestorben ist, ich denke an Glitzer und an diese emotionalen Lieder, die sie an seiner und ihrer Beerdigung sangen und wie alle weinten und ich mir das nicht gestattete.

Ich will nicht, dass die Menschen, die mich in ihren Erinnerungen weiterleben lassen und Winzige Partikel meines Ichs – das ja auch nur aus den Partikeln von anderen Ichs vor mir besteht – an zukünftige Menschen – oder Tiere? – weitergeben, diese Erinnerungen emotionalisieren müssen oder in Tränen ertränken.

Wenn ich für jemand ein Arsch war, dann war ich für jemand so. Das ist ok. Damit kann ich leben. Nimm dir, was du von mir gebrauchen kannst, und vergiss den Rest. Ich bin nicht dein Freund oder dein Lieblingsblogger oder irgendein Kommilitone, ich bin nicht dein Sohn, nicht dein Bruder und erst recht nicht deine Vaterfigur, und vermutlich bin ich auch keine große Katze, die sehr schlecht im Fangen von Mäusen ist (beachte Doppeldeutigkeit von „Mäusen“ als Nagetiere und Umschreibung für Geld), ich bin eine Erinnerung in deinem Kopf, die du gerade so oder so interpretierst und damit umformst. Und ich möchte bitte nicht in Tränen ertränkt werden, wenn es denn soweit ist, dass man mich – im Sinne von meinem Körper – zur Ruhe bettet.

So, wie ich existiere, existiere ich in der Gesellschaft als Erinnerung Einzelner. Ich kann nicht beweisen, dass ich außerhalb dessen existiere, außerhalb von dir – genau so wenig wie du deine Existenz außerhalb von mir beweisen könntest -, und genau so wenig wie Arthur Dent tatsächlich Anhalter fahren muss, um in deiner Erinnerung zu leben, muss mein Körper stoffwechseln, damit ich weiter existiere.

Vielleicht bin ich ja tatsächlich heute gegangen. Körperlich. Vielleicht sitzt du gerade hier und weinst, weil du denkst, dass es jetzt mit diesem Menschen, der ich war, vorbei wäre. Aber ich existiere weiter. Du wirst jetzt trauern – oder dich freuen, wer weiß wie wir zueinander standen -, und dann wird eine Zeit kommen, in der du akzeptiert hast, dass ich weg bin. Und dann wirst du bereit sein, was ich war in dir, die Erinnerung, die du von mir hast, weiterleben zu lassen. Du wirst lächeln und an das Gute denken, was wir teilten, und was dir immer noch gut tut. Und du wirst dich verändern, so wie die Erinnerung, die du an mich hast, und so werde auch ich mich weiter verändern, werde… sein. Das ist großartig und so will ich sein. Ein Teil von dir, so, wie du ein Teil von mir warst. (Zu schmalzig?)

Erinnere, was dir hilft. Ich bin an deiner Seite, wenn du mich brauchst. Nicht in einer transzendenten Bedeutung, sondern einer ganz praktischen. Ich hocke – wahrscheinlich – nicht an Gottes Rechter und warte da auf dich (und Hölle ist ja sowieso Unsinn). Ich existiere in deiner Erinnerung und was für dich nützlich ist, was dir gut tut, was dich voran bringt, was dir schmackhafte Nahrung ist für deine Zukunft (Nietzsche?), dass existiert weiter.
Vielleicht wirst du mich aber auch vergessen. Aber denk bitte nicht, dass das etwas schlechtes wäre. Im Gegenteil: Ich will Platz machen für Neues. Für schöneres, spannenderes, … Ich will in dir, in deinem Kopf, Platz machen für dich.

Und wenn ich doch bleibe, wenn ich doch existiere, als Foto, von dem die Kindeskinder rätseln, wen es zeigt, wenn ich wiederkomme als Erinnerung, wenn ich weiterlebe in dir, dann weiß ich zumindest eines gewiss: Es ist das beste meiner Ichs, welches hier fortbesteht. (Auch wenn ich mein Widersprüchliches, aktuelles, durch die Wirklichkeit immer wieder gestörtes Ich auch ganz knorke finde.)

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