Brüllen gegen das Blöde.

Manchmal trinke ich abends ein Glas Wein und brülle, zusammen mit Freunden, den Fernseher an. Das hat etwas sehr Befreiendes und ich kann verstehen, warum viele Nörgelrentner, denen dieses Verhalten verboten wird, plötzlich so grumpy sind. Der Ungerechtigkeit Selbstgerechtigkeit des Blöden ins Gesicht brüllen zu können – auch im Wissen, dass das Blöde davon keine Notiz nimmt – tut gut.

Meine Wahrnehmung ist voll von diesem Blöden. Menschen, denen Gewinne versprochen werden und deshalb Abertausende auf fremde Konten überweisen. Menschen, die völlig Beratungsresistent sind. Menschen, die überrascht sind, dass einseitige Ernährung ohne regelmäßige Arztbesuche nicht gerade supergesund ist. Die Journalismus-Simulation im Privatfernsehen. Talkshows, die Fragen stellen, die sich mit einem Halbsatz von der Skypetoilette aus beantworten lassen. Ukrainekrise und Fußball. „Die Lage spitzt sich weiter zu.“ Wie spitz kann denn so eine Lage werden? Herrje. Onlinepetitionen. Leute, die trotz schlechtester Aussichten weiter studieren (Auch ich bin ein Teil davon).

Marketingmenschen sprechen von Web 2.0 und dem Internet der Dinge (ohne, dass das jemand erklären könnte), aber wir erleben eher folgendes: Das Internet der Dummen. Petitionen, Gegenpetitionen und Gegengegenpetitionen. Blogeinträge, die sich über dieses Wirrwarr aufregen ohne auf den eigentlichen Punkt zu kommen. Seit deine Nachbarn und der Typ vom Stammtisch in deinem So-gut-wie–wenn-da-nicht-dieser-Stammtisch-wäre–Lieblingslokal auch in diesem großen, weiten Internet sind, seit die Mehrheit der Menschen die sich hier bewegen keinen Fick mehr darauf geben, ob es Netzneutralität gibt oder Highspeed für mäßig synchronisierte Maxdoom-Filme [sic!], seit das Internet den Dummen gehört, den Geschäftemachern und „Experten“, seit dem macht das hier überhaupt keinen Spaß mehr.

Ich starte eine Onlinepetition gegen den Dreck. Wir kämpfen nicht mehr, weil es nichts mehr zu gewinnen gibt. Weil die Liebeslieder alle gleich klingen und der Sozialismus endgültig gescheitert ist und selbst würden wir ihn kreuzigen würden er wohl nicht wieder auferstehen. Und das will auch niemand. Die Alternativloszukunft hat gewonnen, weil sich ihr ideologische Gegner ins Eigen-K.O. versetzt hat. Eine Alternative gibt es nicht. Den Lauf der Zeit kann man nicht umkehren. Ab in den Abgrund. Lasst die Gletscher schmelzen bis das letzte Eis, das ich zu sehen bekommen werde, an einem Stiel klebt.

Was bleibt? Katzen-GIFs, blaue Flecken und Fanfiction. Bei Gelegenheit schreibe ich eine bessere Version der Realität. Mit neuen Ideen wie es weitergehen kann. Mit Hoffnung und Butterkeksen. So gesehen ist die gesamte geschriebene Welt, die Bücher, die Romane, die Lieder, alles auch nur Wirklichkeits-Fanfiction. Bäm. 8000 Jahren Literaturgeschichte abgewertet.

Alles immer das selbe. Wir teilen das Gute mit den Blöden, bis wir es nicht mehr aushalten, und das Gute aufgeben oder selbst blöd werden. Wir starten Onlinepetitionen. Wir verstreiten uns über Kleinigkeiten und schaden so unserem gemeinsamem Ziel. Heißt es der Blog oder das Blog? Wir stritten uns so lange darüber, bis die Frage durch das Verschwinden dieser Kommunikationsform hinfällig wurde. Sprache passiert. Onlinepetionen dagegen werden gemacht. Von Idioten. Und ja, ich habe auch schon mitgemacht. War emotionalisiert worden für irgendein Thema. War mit ganzem Herzen hinter einem Ziel vereint. Regte mich auf, und verstand doch nichts. Es gibt keine Zusammenhänge, keine Esoterik, es geht nicht um das große Ganze, nicht darum die Welt zu retten oder auch nur an einem Tag einen Blogeintrag zu schreiben. Es geht um nichts.

Und am Ende brüllt man den Fernseher an und googelt erfolglos nach Riesen-Weingummi-Penissen, mit denen man sich ganz politisch unkorrekt das Maul stopfen könnte, um nicht mehr an all dem Teilhaben zu müssen.

Stellen Sie sich nur die Schlagzeile vor: Versager an Weingummi-Penis erstickt. Die Bild-Zeitung hätte eine 23-Teilige Klickstrecke über Gummibärchen, Colafläschchen und andere Weingummiprodukte, aber würde sich nicht trauen, den Wein-Gummi-Penis zu zeigen. Aber den Toten. Denn das ist wohl in unseren Augen weniger anstößig. Und dann würde über meine Sexualität spekuliert werden und all dies. Aber niemand würde eine Onlinepetition starten, weil sich niemand klar wäre, ob es nur der, die oder das Onlinepetition ist.

Und an einem anderen Ort brüllt jemand einen Bildschirm an und fühlt sich dadurch weniger gefangen.

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