Ich hoffe, daß ihr alle noch den Kampfgeist habt.**

Unsere Uni streikt morgen. Es gibt eine 24-stündige Vorlesung(sreihe), eine Demo durch Tübingen und weil daran auch – meinem Eindruck nach – nicht nur Studierende, sonder auch ein Großteil der Mitarbeitenden und Dozent_innen (Unterrichter_innen?) teilnimmt, fallen damit zahlreiche Veranstaltungen und Sprechstunden aus. Kurz gesagt: Es soll die Verschlechterung der finanziellen Grundversorgung der Universität abgemildert werden und verhindert, dass weitere Stellen gestrichen werden müssen (mehr bei der FSVV). Rückzugsgefechte also.

Ich sprach mit einigen Mitstudierenden* darüber, ob sie an der Demo und dem Streik teilnehmen würden. Eine zeigte sich verwundert und hatte davon – trotz den Postern überall – nichts mitbekommen. Eine andere gab ihrer Enttäuschung darüber, dass sie am Mittwoch eh keine Kurse habe, Ausdruck. Dann bringe ihr der Streik ja gar nichts. Aber weder ich noch sie hatten Zeit, darüber zu reden, weshalb ich recht unbefriedigt zurückblieb und nun einen Blogeintrag schreiben muss.
Eine andere Mitstudentin fragte, ob ich hingehe, und dass gab mir dann doch ein bisschen Hoffnung zurück. Sie habe Angst, dass unser Studiengang wegfällt – und diese Angst ist berechtigt. Hm.

Warum sind wir nur noch solidarisch, wenn es uns selbst nützt? Oder, anders gefragt: Sollen wir auch zusammenhalten, wenn es mir schadet?

Ich kann diese Frage noch nicht abschließend beantworten, aber die Geschichten meiner Kindheit – und ich glaube, dass diese sehr viel darüber aussagen, wie unsere Eltern sich die Gesellschaft wünschen (auch wenn vieles nur unbewusst) – zeigten mir viel Solidarität, viel Gemeinschaft, die vor allem auch in schwierigen Zeiten zusammenhielt. Was ich heute sehe ist oft das genaue Gegenteil. Wenn du mir nicht hilfst, dann helfe ich dir nicht. Für die Demo gibt es keine ECTS? Dann gehe ich auch nicht hin. Du stimmst in diesem Bereich nicht mit mir überein, dann kämpfe ich nicht an deiner Seite für unser gemeinsames Ziel.

Ich verstehe das in vielen Situationen. Habe ich das Gefühl, dass ich durch meine Mitwirkung meine Seele verkaufen müsste oder Leute unterstützen, die für grundfalsche Dinge einstehen oder gar rechtsradikale Positionen versuchen durchzudrücken, oder kürzer: Wenn ich das Gefühl habe, dass es meinen Mitstreitenden nicht um die Sache geht, sondern ihrem Nutzen daraus, dann bin ich vorsichtig. Und auch meine Kräfte sind nicht unendlich, weshalb ich an vielem nicht teilnehmen kann, was ich unterstützenswert fände.

Der Streik wird erstmals (?) auch von der Universitätsleitung unterstützt. Was ich davon halten soll weiß ich nicht. Nichts persönlich gegen selbige, aber die Entscheidungen der letzten Jahre waren doch von einer Zielsetzung geprägt, die mich daran zweifelt lässt, ob sie den Protest unterstützen oder ausnützen wollen.
Aber alle, die zweifeln, machen trotzdem mit. Weil die Sache zu wichtig ist, weil es um die Möglichkeit geht, weitermachen zu können. Und wenn wir da gewonnen haben, dann machen wir weiter.

Was mich irritiert ist, wenn man aus persönlichem Desinteresse an der eigenen Situation nicht mitmacht. Oder schlimmer noch: Nur dem eigenen Vorteil willen teilnimmt. Das hat was von den Bürgermeisterkandidaten gewisser Parteien, denen man nachsagt, sie würden ein halbes Jahr vor der Wahl anfangen, auch in die Kirche zu gehen. Nicht, weil sie das plötzlich als richtig ansehen, sondern weil man auf den Bänken der Glaubensgemeinschaft, die alle Menschen als von Gott geschaffene, gleiche und schützenswerte Wesen sieht, am besten das Zielpublikum erreicht, welches sich am Stammtisch dann über Zuwanderer_innen, Homosexuelle und Nicht-Kirchgänger_innen erregt – und die sind wohl potenzielle Wähler. Aber das ist auch nur üble Nachrede von Nicht-Kirchgänger_innen.

Ich bin mir bewusst, dass diese Demo nichts Grundlegendes ändern wird. Ich bin mir bewusst, dass mein Lieblingsstudiengang mit all meinen Lieblingsdozent_innen und all dem, was ich so von tiefstem Herzen liebe, nicht überleben wird, weil wir ein bisschen durch Tübingen laufen. Andererseits, und daran will ich so fest glauben, wie ich nur kann, ist ein Spaziergang zusammen mit vielen Freunden und Freundinnen der erste Schritt zu einer besseren Welt.

Und die will ich. Und zwar jetzt. Und für alle.


*Ich möchte Versuchen auf vermeidbare Begriffe zu verzichten, deren Verwendung nur dazu dient, bestimmte Gruppen vom Textverständnis auszuschließen. Lässt sich ein einfacheres Wort sinnvoll verwenden, ohne dass der Sinn entstellt wird, so will ich es verwenden (in diesem Fall: Mitstudierende statt Kommilitonen). Sollte ich einen dieser Begriffe übersehen oder in meinem Versuch eine verständlichere Sprache nur noch unverständlicher werden, bitte ich um kurzen Hinweis.
**Zitiert nach: „Stammheim mit NMZS und Loock“ von „Disko Degenhardt“. Zitatquelle unbekannt, daher ist damit kein intertextueller Bezug gewollt. Eventuell widerspricht die Aussage der Überschrift also dem Text.

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