Niemand liest dein Blog und das ist auch gut so.

Gerade erbricht sich wieder einer dieser heftig-Links in meinen Wahrnehmungsstream. Es ist ein sechs Jahre altes Video einer Frau, deren Katze ihr beim Zähneputzen auf den Kopf springt. Also die Frau putzt sich die Zähne, nicht die Katze. Vermutlich ist die Katze schon tot. Oder die Zahnbürste ist kaputt. In jedem Fall zeigt das Video eine längst vergangene Zeit. Eine Zeit, als man sein Kind vom Zahnarzt abholte und filmte. (Wie hieß das noch? Jay after Dentist? Oder David? Conan? Jon? Jimmy? Jag vet inte! (Auflösung am Ende)) Eine Zeit, als noch nicht alle Smartphones hatten und alles immer always on war.

Wenn ich heute meiner Arbeit nachgehe, dann sehe ich überall Menschen aller Altersstufen, die auf solchen Vollbildschirmtelefonen herumdrücken. Menschen geschätzt Mitte 50 bleiben mitten im Weg stehen, und drücken mit dem Zeigefinger auf einen Bildschirm, so, wie wir als Kinder die Buchstaben auf einer Tastatur gesucht und gehämmert hatten. Auch mein Vater hat inzwischen eines dieser Geräte, und ich weiß nicht, ob ich das gut finde (vor allem, weil er ein besseres hat als ich und es dann nur für „Wetter und so“ nutzt (Neiddebatte)).

Damit drängt eine Masse ins Internet – und das ist ja eigentlich positiv -, die das früher für öde und doof und nerdig hielten. Vielleicht, denke ich manchmal, bin ich mit meinen Problemchen mit Verschlüsselungen und all dem auch einer dieser Leute, die ich äußerlich verachte, dafür, dass sie uralte Videos teilen, „hihi“ dazu posten und mit ihren frischgeborenen Kindern/Enkeln/Nachbarskindern auf Facebookfotos posieren. Erst kürzlich postete ich ein altes Katzenvideo von Reddit, ohne zu wissen, wie prähistorisch es schon war. Aber die anderen, rede ich mir ein, sind schlimmer. Mit ihrem Dialektschreiben und natürlich wechseln sie alle zur WM zu plumpem Nationalstolz und natürlich singen sie alle dumme Lieder und sagen, „och, mich stört nicht wenn mich der Staat überwacht“ und sie liken langweilige Statusmeldungen und diskutieren mit halben Wörtern und verwenden nur Smilies. Deine Mutter teilt lustige Katzenvideos von heftigtonpost und scheißt auf Netzneutralität und Freiheit und will, dass Kinderschänder die Todesstafe erhalten.

Das Internet ist nicht nur vielschichtiger geworden, es ist konservativ, verschwörungstheoretischer, dümmer und redundanter geworden (ja, diesen Blogpost hatte ich schon einmal geschrieben). Und weil die Masse der Leute, mit denen ich eigentlich nicht so viel zu tun haben will, weil es so anstrengend ist, nett zu ihnen zu sein, obwohl sie so menschenverachtend und entwürdigend sind, so nationalverliebt und denkfaul und rechthaberisch (ganz im Gegensatz zu mir ;)) und ausweichend, deshalb macht es in letzter Zeit so wenig Spaß das Internet zu nutzen. Was wir machen sind Rückzugsgefechte und Ideologische Grundsatzdiskussionen. Und ich liebe das, aber zugleich weiß ich tief drin, dass Netzpolitik mit der Masse nicht funktioniert. Weil statt der Bildzeitung, Spiegel und der Tagesschau nun bild.de, SPON und heftigton-facebook-clickbait-shit von Gedanken befreit. Es ist nichts besser geworden durch die „digitale Revolution“ oder das „Web 2.0“ oder wie auch immer irgendwelche Spinner das nun nennen. Die Akteure haben sich nicht geändert. Wir sind immer noch wir, die sind immer noch die. Und auch wenn sie jetzt auf unserem Spielplatz spielen („Ich war aber fünf Minuten vor dir da!!“), heißt das nicht, dass wir nun weniger belächelt werden würden oder auch nur eine Sekunde Einfluss hätten.
Eher noch pinkeln sie uns in den Sand oder lachen uns aus, weil wir einen Spanner in den Büschen gesehen haben. Und nun sitze ich auf der selben Bank wie seit Jahren und erzähle den selben Leuten wie seit Jahren die selben Geschichten wie seit Jahren. (Und ich liebe das.)

Aber ich sehe das positiv: Dass die neuen Nachbarn nicht auf einen Kaffee vorbei kommen bedeutet auch, dass ich kein Interesse heucheln muss. Und das ist zumindest ein Erfolg dessen, im Internet der heftigen Verblödung keine relevante Reichweite zu erreichen. Und überhaupt: Nerede çokluk, orada bokluk.

Auflösung: Es war David after Dentist (klick). Die genannten Namen waren bekannte amerikanische Moderatoren von Late-Night-Sendungen, nämlich: Jay Leno, David Letterman, Conan O’Brien, Jon Stewart und Jimmy Fallon.)

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