„Ich verstehe die Aufregung um die NSA nicht.“

Ein normaler Verbrecher droht dir die Beine zu brechen. Ein guter Verbrecher zerstört dein Leben, in dem er eine Behauptung verbreitet.

Es gibt Professor_innen, die derart tief und lang und ausführlich in einem Gebiet gearbeitet haben, dass es fast unmöglich ist, ihnen zu widersprechen. Was sie sagen stimmt, auch wenn sie keine Beweise liefern können. Wenn du groß genug bist, musst du nicht mehr argumentieren. Deine Reputation, man könnte auch sagen, die Angst der Anderen vor deinem Urteil, sorgt dafür, dass du auch Recht hast, selbst wenn du eigentlich irrst.

Die NSA hat – soweit wir wissen – eine recht gute Reputation. Regierungsbehörde, ausgezeichnete internationale Beziehungen, hervorragende Ausstattung, kompetente Mitarbeiter. Sie schützt uns vor Terroristen, Extremisten und anderen Tunichtguten, in dem sie Daten sammelt – am liebsten alle von allen. Wer potenziell gefährlich ist, wird überwacht. Wer nicht gefährlich ist, könnte es ja potenziell werden. Die NSA weiß, was du im Internet gemacht hast. Zumindest sagt sie das. Ein wahrgewordener Knecht Ruprecht, der nicht jedes Jahr kommt, sondern erstmal sammelt – und wartet. Jeden Tag steht in der Zeitung neue Skandale, und langsam aber sicher gewöhnen wir uns daran, glauben das Narrativ von der Gottbehörde, die alles sieht und alles weiß. Und wir ignorieren sie – wie Atheisten -, oder sind gute, brave Bürger, die an diese Behörde glauben. Manche mögen auch Angst vor ihr haben, Angst, dass die NSA von ihrem Serverolymp hinabsteigt, um dich zu zertreten.

Vielleicht hat die NSA gar kein kompromittierendes Material über dich. Weil du vielleicht nie etwas schlimmes getan hast. Aber, wie willst du beweisen, dass du unschuldig bist, wenn sie sagen, sie haben Daten davon? Erinnerst du dich an jede Webseite? Erinnerst du dich an jedes Telefonat? Hast du für jede Nicht-Schlechte Tat Zeugen, die vertrauenswürdiger sind als ein Beamter?

Ja, das wird nicht passieren. Weil die Regierung ja nichts böses tut. Im Gegensatz zu Google und Facebook. Und du hast ja nichts zu verbergen. Die Katzenfotos und deine Kontodaten teilst du gerne.

Eine marktbeherrschende Stellung bei diesem Spielchen, ein regelrechtes Monopol, das ausreicht bei Belieben eine jede Existenz zu zerstören, bei Belieben dich mit einer völlig vergangenen Geschichte zu erpressen, das „wir wissen was du getan hast“-Spielchen ist schon eine ziemlich coole Sache. Das ist sicher lustig und spannend und überhaupt. Wenn man der Spieler ist und nicht das Spielzeug.

Dazu kommen ganz großartige Anschaffungen. Beispielsweise waffenfähige, unbemannte Flugzeuge, sogenannte Drohnen. Wie war das nochmal mit Meinungsfreiheit? Mit Schutz der Privatsphäre? Wie war das mit Menschenwürde? Bäm, Headshot. Sind die Dinger sicher vor Hacker-Angriffen? Und warum schaffen wir sowas überhaupt an? Wenn die Drohnen einen Fehler machen – oder die Menschen dahinter eigene Motive verfolgen -, dann kann es schon ein bisschen unangenehm werden diesseits der Überwachungskameras. Tja, Kollateralschaden. Was stehst du auch neben dem gesuchten Kriminellen an der Bushaltestelle. Selber schuld. Viel Glück, wenn der gesuchte Terrorist „Müller“ heißt. Bäm, bäm, bäm. Es geht uns doch nur um die innere Sicherheit.

Stalking hatten wir schon von Geheimdienstlern. Bin gespannt wann der erste (nicht staatlich autorisierte) Drohnenmord kommt.

Aber dir passiert ja nichts. Du hast ja niemandem etwas getan und wirst auch nie ein Wort verlieren. Es gibt keine alten Geschichten, die du vergessen haben willst. Du lebst ganz gut in der ständigen Gegenwart deiner kompletten Vergangenheit. Das ist schön und gut und eine Erleichterung. Du hast nichts zu verbergen, und du weißt jetzt schon, dass das nie anders sein wird.

Ich frage mich nur, wenn dann endlich alle potenziellen Terroristen ausgeschaltet sind, wenn alle, die eine ach so große Bedrohung für den Staat sind – also jede_r, der_die mit „PGP“ und „Tor“ und nur „Homepage“ etwas anfangen kann – beseitigt ist, wer fixt dann den Fehler auf deinem alten Windows XP? Und wieso stört es den Bombengütelmann, dass seine Daten auf Geheimdienstservern liegen? Boom, Hosenexplosion.

Aber ich weiß. Wir haben in den letzen 100 Jahren kein einziges mal erlebt, dass ein Staat etwas getan hätte, was fremden oder eigenen Bürger auch nur minimal schadete. Und man soll ja an das Gute in den Menschen und der Regierung und allen glauben, die werden es schon gut meinen, das Gute sehen, Vertrauensvorschuss und so.

Außer man ist Geheimdienstler, dann überprüft man lieber. Alle.

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