Wenn zwei streiken, freut sich kein Dritter.

„Ein Streichholz bricht, dreißig aber nicht.“ denke ich mir und sende – per Gedanken – solidarische Grüße an die streikenden Busfahrer Tübingens. Soweit ich hörte sollen ihre Löhne massiv gekürzt werden. Als ich durch den Regen in die Uni laufe und danach wieder Heim – es regnet immer noch – verstehe ich die, welche sich über Streiks empören. Öffentlicher Nahverkehr sollte nicht bestreikt werden. Weil so essenziell wichtig wie Kliniken, Schulen und die Polizei. Es sollte von Haus aus gute Bezahlung für diese Berufe geben, auch ohne Streiks. Dabei gibt es – zumindest in Tübingen – einen Notfallfahrplan, der auch die Schulen bedient. Die Aufregung also unangebracht. Der Streik war auch lange angekündigt.

Aber, an einem so verregneten Tag zu streiken, das ist schon ungünstig. Die lauten Pfeifen, mit der die Verdi-Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen auf sich aufmerksam machen, während ich durch den Regen eile und mit einer Kommilitonin plaudere, sie im Bachelorstress, ich im Zweifel für den Zweifel, sind ungünstig. Lärmbelästigung, soetwas wollen die Leute nicht haben. Dass Busse nicht fahren und sie vielleicht ihre Stelle verlieren, weil sie nicht zur Arbeit kommen können. (Was für Chefs sind das denn, die dich rauswerfen, wegen streikender Busse?)

Die kleinen Leute neiden sich gegenseitig das trockene Brot vom Teller. Ein Kommentar in Facebook verlautbart:

„In anderen [B]erufen verdient man deutlich weniger (mit Ausbildung!) Und dürfen wir streiken? -> Nein, sonst sind wir den [J]ob los!“

Ich frage mich, ob ich mir die Mühe machen soll, zu erklären, dass man für das Streikrecht auch erst streiken musste. Dass, wer nichts riskiert, oft mehr verliert. „Der Neider sieht nur das Beet, aber den Spaten sieht er nicht.“ denke ich. Und: „Wo das Auge nicht sehen will, helfen weder Licht noch Brill‘.“ Dann erinnere ich mich an die Kultur, in der die Menschen meines Umfelds aufgewachsen sind. Stetige Angst um den Arbeitsplatz, unten treten, oben buckeln, sexy mit dem Arsch wackeln, Arbeit als einziges Lebensziel, die Konkurrenz schläft nicht, usw., und sage mir: „An der Leine fängt der Hund keinen Hasen.“

„Wess‘ Brot ich ess‘, dess‘ Lied ich sing‘.“ ging in Fleisch und Blut über. Die meisten Leute trauen sich nicht mehr, aufzubegehren gegen das, was sie stört. Und wenn sie sich wehren, dann im kleinstmöglichen Rahmen. Inflationsausgleich, hört hört. Und die Arbeitgeber sagen: „Die Wahrheit liegt in der Mitte.“ und schieben nach „Wir danken euch so sehr, ihr seid so fleißig und wertvoll, doch die Konjunktur zwingt uns: Wir müssen die Löhne kürzen und die Stundenzahl erhöhen.“ Und die Mitte trifft sich, bestenfalls noch, im Nichts.

„Vom Danke kann man keine Katze füttern.“ murmele ich in mich hinein. Wir sind so dankbar, sagen wir, gegenüber denen, die unsere Gesellschaft stemmen. Den Pflegekräften, den Lehrenden, den Müllleuten und Nahverkehrlern, den Freiwilligen, Ehrenamtlichen, Rettungskräften, all jenen die einen miesen Job für schlechte Bezahlung machen, die schuften und ackern, aber auch im besten Falle auf keinen grünen Zweig kommen. Wir danken euch so sehr, aber bitte: „Beiß nicht in die Hand, die dich füttert.“

Streik nicht, denn wir können das schließlich auch nicht, sagen wir ohne jede Melodie. Fordere keinen gerechteren Lohn. Sei zufrieden mit dem alten Brot, denn: „Altes Brot ist nicht hart, kein Brot, das ist hart.“ Sei zufrieden. Hör nicht auf die Lieder der Weltverbesserer. Alles Lügen. … Bullshit. Wo Musik ist lass dich nieder, da ist meistens auch Bier. „Wo man singet, laß dich ruhig nieder, […] Bösewichter haben keine Lieder.“
Ein Wort im Vertrauen: Wer nicht anfängt, wird nicht fertig. Wir erreichen keine bessere Welt für alle, wenn wir nicht anfangen, diese bessere Welt aufzubauen. Hoch die Solidarität. Hoch die internationale Getränkequalität. Viele Wenige geben ein Viel. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Worten sollten Taten folgen. Komm ich über’n Hund, komm ich auch über’n Schwanz. etc.

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