Die Enttäuschung deines Lebens.™

Auf dem Heimweg traf mich eine Erkenntnis, die mich warm-geborgen hätte umarmen sollen, als ich ein trauriger Teenager war und mich mit der Farmor stritt. Sie schleuderte mir damals an den Kopf, gedacht als stärkste Beleidigung einer Frau, die jahrzehntelangen Erfahrungsvorsprung mir gegenüber im Leben hatte, dass ich die Enttäuschung ihres Lebens sei. Dieser Satz hat unser Verhältnis nachhaltig beeinträchtigt und sich in mich eingebrannt. Selbst hätte sie gesagt, ich sei für sie gestorben, hätte mich das wohl nicht so getroffen.

Ein Freund, der das Haus seines Großvaters kaufte – und meiner Meinung nach weit über Wert – und nun renoviert, wurde wegen eben dieses Renovierens ebenfalls diese scheinbare stärkste Beleidigung der „Ich habe alles erlebt und überlebt“-Generation genannt.

Du bist die Enttäuschung meines Lebens.“

Ein bitteres Gefühl zunächst, weil man den Menschen, der dies ausspricht, eigentlich liebt. Und dann lacht man außen darüber und fühlt sich nur noch innerlich gescheitert. So wie wir alle. Wenn man sich dann schlecht fühlt, aus welchen Gründen auch immer, kratzt man diese alte Narbe wieder auf.

Damals, wie wir uns auf der gelben Treppe zwischen schönen Blumen und harter Arbeit, stritten und sie gewann. Scheitern bleibt, Erfolge lösen sich auf. Wie in Tetris.

Auf dem Weg genau an den Ort, an dem vor Millionen Gedanken und tausend schlaflosen Nächten diese Worte fielen – und kurz danach verleugnet wurden – umarmte mich eine Erkenntnis. Eine späte Erkenntnis, aber eine, die mich auf einer Art glücklich machte und macht, die ich niederschreiben muss. Nämlich:

Enttäuschung ist überhaupt nichts Negatives. Der Wortbedeutung nach ist es Aufklärung, nämlich Ausgang aus unverschuldeter Unmündigkeit, die Beendigung einer Täuschung. Vorhang auf, so läuft der Hase, Blick hinter die Kulissen, das Erwachen, so schaut’s aus. Wenn ich jemanden enttäusche, dann zeige ich Fehleinschätzungen und Unwahrheiten auf. Dass das auch nur im entferntesten etwas schlechtes sein könnte, ist aberwitzig abwegig.

Wenn ich mich enttäusche, wenn ich dich enttäusche und meine gemisste Großmutter in mir gar die Enttäuschung ihres Lebens sieht, dann habe ich etwas Gutes getan. Ich habe Augen geöffnet. Habe geholfen, die Töne richtig zu deuten. Die Maske der Lüge und Fehleinschätzung herabzureißen. Hier ist das Lächeln der Wahrheit.

Hätte ich das nur damals schon begriffen, ich hätte nicht so viele Jahre damit verschwendet, zu versuchen, sie aus meinem Leben und meinem Herzen auszuschließen. Geklappt hat das ohnehin nicht.

Unter der herabgerissenen Maske steht ein Zwiebelmensch aus vielen Schichten. Und eine Schicht, die welche damals wuchs, als er sich gerade mit seiner Großmutter stritt, fühlt gerade die warme Umarmung einer späten Erkenntnis.

Keep [going], boy. [You’re] okay.

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