Geh du da mal lieber ma hin für mich

(Trigger-Warnung: Dieser Text erfüllt Murphys Law.) (Es gibt auch Gegenmeinungen.)

Ein altes Sprichwort aus dem Norden sagt, dass „Arbeit nervt“, und Recht hat es damit. Urheber ist wohl die Crew vom Deich, und wir alle wissen, „Kindermund tut Wahrheit kund“. Und überhaupt, das sind mir jetzt schon zu viele Sprichworte. Denn: Was der Blogger nicht kennt, das schreibt er nicht.

Die größte Lüge des 20. Jahrhunderts ist das Wort „Arbeit“, an dem die beiden zentralen Ideologien dieser Jahre alles – sowohl sich selbst als auch ihre Gegner – aufhängen. „Arbeit macht frei“ ist der zynischste Satz unserer Geschichte. Die Metallbuchstaben hängen noch heute in KZ-Gedenkstätten. 2009 stahl ein schwedischer Ex-Nazi und nun Moderaterna-Mitglied – Anders Högström – zusammen mit Komplizen das Schild der KZ-Gedenkstätte in Auschwitz um es in Schweden weiterzuverkaufen. Die Diebe hatten es in die drei Worte zerteilt und in einer Waldhütte versteckt. Anders saß dafür über 2 Jahre hinter – nun – schwedischen Gardinen.

Erstellt wurde das Schild in Auschwitz vom inhaftierten Kunstschlosser Jan Liwacz, der als heimlichen Protest das B falsch herum anbrachte. Woher das Material stammt, durch wessen Hände es ging, lässt sich vermutlich nicht mehr heraus finden. Jedenfalls hat jemand Eisen aus dem Erdboden gekratzt, dieses wurde geformt, transportiert, weiterverarbeitet. Und an all diesen Arbeitsschritten waren Menschen beschäftigt, die nur arbeiten konnten, weil sie Nahrung aufgenommen hatten. In nächster Reihe standen also Bauern, standen Händler, Köche, Mütter und Väter. Fähig dazu, dies alles zu tun waren all diese Menschen nur, weil es ihnen andere Menschen beigebracht hatten. Letztlich, weil ein gesamtgesellschaftliches Netz das Leben dieser Menschen ermöglichte. Und dann kommen Menschen, die andere Menschen demütigen, einsperren, quälen, die ein Loch in dieses Netz reißen, brennen.

Generationen von Menschen, Jahrzehnte an Arbeitszeit für ein Schild, das die verhöhnt und entmutigen soll, die man durch Zwangsarbeit in den Tod treiben wollte. Nach 1945 noch „Arbeit“ zu sagen ist unmöglich geworden. Mir verknotet sich die Zunge und ich lasse mich krankschreiben. Und wenn ich alle Krankheitstage aufgebraucht habe, rufe ich an und melde mich tot.

Die „Arbeitswelt“ ist an Zynismus nicht zu überbieten, weil sie in einer direkten Begriffstradition zum nationalsozialistischen Zynismus steht. „Arbeit macht frei“. Entleert von seiner Geschichte, sofern dies überhaupt vorstellbar ist, ist dieser Satz immer noch falsch. Arbeit macht nicht frei. Arbeit knechtet. Arbeit verbraucht.

Wir hätten uns vom Arbeitsbegriff lösen müssen, hätten ein neues Netz spannen müssen – Nächstenliebe? Menschenwürde? Katzenbabys? -, anstatt das alte verrotten zu lassen. Arbeit ist eine falsche Ideologie, weil sie gegen die Würde des Menschen gerichtet ist. Arbeit ist eine falsche Ideologie, weil sie knechtet, anstatt aufzubauen, weil sie Waffen belohnt, aber Umarmungen ignoriert (zumindest solange sie umsonst sind).

Leg‘ deine Arbeit nieder und heb‘ sie nie wieder auf. Gute Dinge entstehen nicht aus harter Arbeit, sondern aus guten Ideen. Aus dem Willen, etwas besseres zu schaffen, an Aufgaben zu wachsen. Und dem Durchziehen, dem Schuften, dem Aufblühen. Marx hätte nicht falscher liegen können, als er die Menschen an ihre Arbeitskraft kettete, anstatt sie in ihrer Würde zu befreien.

Wenn im Frühling die Blumen blühen, die Bäume ausschlagen, dann arbeiten sie nicht, sondern wachsen. Und was wächst, verschwindet auch wieder. Ein Kreislauf, keine Wachstumskurve, keine Produktivitätssteigerung. Das Ziel ist erreicht, wenn man im Gleichgewicht ist. Nicht mehr tun, als nötig. Arbeitsverweigerung, würden Ökonomen das nennen, das Blumen nur einmal im Jahr blühen, wo sie doch vier- und fünfmal blühen könnten. Das Vögel nur einmal im Jahr neuen Nachwuchs zeugen, wo sie es doch jeden Tag tun könnten. Die Produktivität ist noch zu gering. Stagnation sei schlecht. Arbeit mache Spaß, sei erfüllend.

Doch so funktioniert die Welt nicht. Die Natur straft die Fleißigen mit Resourcenmangel. Sie sterben aus. Die „Faulen“ bleiben übrig, weil sie nicht mehr nehmen, als sie brauchen. Weil sie nicht mehr tun, als nötig ist.

Ameisen arbeiten nicht. Sie erledigen Aufgaben. Wer weiß schon wirklich, wie es im Ameisenbau aussieht. Die letzten Jahre betrachteten wir das ganze aus der marxistisch-kapitalistischen Arbeitsbrille. Dabei wollen die Arbeiterinnen keine Königin stürzen, um das Proletariat zu befreien und sich auch nicht die Konsumbäuche vollschlagen. Die Ameisen spielen nur. Für jede Aufgabe gibt es Punkte und wer am Ende der Woche am meisten geschafft hat wird in die Highscore-Liste eingetragen. Arbeiten tut da keiner. Die daddeln.

Die fleißigen Bienen sind tatsächlich nur Blütenjunkies. Immer auf der Suche nach dem nächsten Schuss Bienenbrot, nach der nächsten Spritze Honig… Aber arbeiten tun die nicht.

Es ist nur folgerichtig, wenn künftig auch Drogenhandel, Schwarzarbeit, Rüstung und Zigarettenschmuggel das Bruttoinlandsprodukt (BIP) aufbauschen (vgl). Schon seit Jahren wird Prostitution mitgerechnet. Ob Anders Högström das schwedische BIP gesteigert hätte, wenn der Weiterverkauf von „Arbeit“ „macht“ und „frei“ geglückt wäre? Seine Inhaftierung und alle daran hängenden Dienstleistungen dürften es jedenfalls getan haben.

Wenn ich eine Katze streichele, mit Freunden ein Kartenspiel spiele oder meine Freundin küsse, dann bedeutet das für uns alle nichts. Aber wenn ich mir eine Kugel in den Kopf jage ist das ein Wachstumsimpuls für die Waffenindustrie – und den örtlichen Bestatter, seinen Blumenhändler, die Holzindustrie und so weiter und so weiter. Wenn Anders Högström ein altes Schild stiehlt, dann löst das eine endlose Kette von Arbeit aus. Polizeiarbeit, Resturationsarbeit, Gerichtsarbeit, Wiedereingliederungsarbeit … Eine endlose Kette. Wenn wir Menschen einsperren, sie zwangsarbeiten lassen, wenn wir sie verbrennen und hinrichten, dann „macht [das] frei“, sagten wir. Aber es stimmte nicht und stimmt nicht. Arbeit macht nicht frei, Arbeit macht keinen Sinn, Arbeit macht nicht glücklich, Arbeit erfüllt nichts, hilft nichts, schafft nichts. Arbeit ist die eine große Lüge, von der wir uns noch immer nicht frei gemacht haben. Arbeit ist die Mär, an die wir uns weiter klammern, obwohl sie uns nur weiter sinken lässt.

Ich kann an Arbeit nichts Gutes erkennen.

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