Warum ich paranoide bin.

An der Vibration eines Objekts lässt sich ein Geräusch rekonstruieren – das heißt: Habe ich ein Video eines von Geräuschen vibrierenden Objekts kann ich daraus ein Geräusch machen, welches dem recht nahe kommt, welches Quelle dafür war. Dieses Video von Forschern des MIT zeigt das Vorgehen mit High-Speed-Kameras, später jedoch auch mit Handelsüblichen (allerdings sind die Ergebnisse da deutlich schlechter).

Bereits seit längerem ist bekannt, dass Gespräche mittels Lasern von den Vibrationen der Fenster abgelesen werden können. Zumindest wird dies von Verschwörungstheoretikern behauptet, und angesichts der Snowden-Enthüllungen bin ich gewillt, ihnen das zu glauben. Angeblich, sagt man, würden sich auch Tastauranschläge rekonstruieren lassen. (update. Von Plastiktastaturen kann man inzwischen mit iPhone-Ifrarotkameras deine Pincodes ablesen.)

Ich beging weder Straftaten noch habe ich vor Straftaten zu begehen (warum auch). Trotzdem, oder gerade deshalb, macht es mir Angst. Denn wie jede Technologie werden auch Abhörmöglichkeiten immer günstiger. War es vor einigen Jahrzehnten noch völlig utopisch, dass DNA-Analysen auch bei „kleinen“ Vergehen angewendet werden – weil zu teuer -, scheint es heute üblich zu sein. Sagten wir vor einigen Jahren noch, diese oder jene Verschlüsselung reiche aus, weil man hierfür so und soviel Rechnen müsste, um sie zu knacken… bauen Geheimdienste heute entsprechende Computer.

Wenn die NSA und der Verfassungsschutz uns nicht abhören, dann sind es Google und Facebook. Dabei ist es vermutlich nicht mal so problematisch, was über uns herausgefunden wird mittels Spionage, Abhören, Trojaner und DNA-Nachweis. Unsere größte Gefahr dürfte wohl, bei aller Liebe fürs Bloggen, unsere eigene große Klappe sein.

Wenn Polizeien und Geheimdienste öffentliche Quellen auswerten – und das tun sie, schließlich ist es ihre Aufgabe – lässt sich vermutlich über mich so ziemlich jede Straftat, jedes „geschlossen XY Weltbild“ und dergleichen argumentieren. Durch geschickten Auswählen der allein 230 Blogeinträge in diesem und den 2357 Einträgen im alten Blog sowie vermutlich tausenden teils zynischen, teils ironischen, teils übermüdeten oder verstellten Kommentaren all over the internet. Wöllte mir jemand etwas schlechtes, hätte man mich damit definitiv ‚an den Eiern‘ – und das ganz ohne gefälschte Beweise, Überwachung und all jenes.

In diesem Leben werde ich diesen Zustand nicht mehr rückgängig machen können – und das wöllte ich auch nicht. Ich stehe zu jedem einzelnen Kommentar und jeder einzelnen Meinung, zu dem Rauschen das meine Existenz im Internet und der Welt hinterlassen hat und zwar weil jedes – einzelne – Wort erlogen ist.

Bullshit.

Ich glaube, dass wir gerade dabei sind, neue Umgangsformen zu lernen. Wie wir mit Menschen umgehen, die alles fotografieren, die gerne laut schlechte Musik hören, die dämliche Kommentare veröffentlichen. Wenn eine staatliche Stelle gegen mich oder einen meiner Freunde vorgehen sollte – und das ungerechtfertigt -, dann glaube ich, dass unsere Gemeinschaft stark genug ist, sich dagegen mit den Mittel des Rechtsstaats zu wehren. Und sollte, aus welchen Gründen auch immer, der Rechtsstaat einem faschistischen Rechts-Staat (oder einer anderem Form des Unrechts-Regimes) weichen, glaube ich, dass wir zum Widerstand bereit sind.

Als Blogger muss man keine Angst mehr haben, öffentlich bloßgestellt zu werden. Wir, die wir im Internet aufwuchsen, haben das schon selbst genug getan.

Trotzdem, oder gerade deshalb, beunruhigt mich ein Staat – ebenso wie Konzerne – die Aufrüsten, beinahe Grenzenlos, um auch den Teil meiner Privatsphäre ausforschen zu können, den ich nicht freiwillig geteilt habe.

(Kuck mal, der hat Angst vor einem Überwachungsstaat. Damit ist doch ein Anfangsverdacht begründet?)

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