„Sind das deine Leserbriefe?“

Niemand liest deinen Blog. Und niemand liest meinen Blog (wobei, was du gerade machst diese These zumindest widerlegt).

Sehr wohl lesen die Leute aber die Lokalzeitung – und ich weiß nicht warum. Vor allem weiß ich auch nicht, warum ich sie immer noch lese. Die Berichte sind – weitestgehend – öde. Die politischen Ansichten widerlich. Sexismus, Rassismus, Anzeigenverliebtheit, das tropft da aus allen Seiten. Es ist die beste Zeitung die wir in dieser Region haben – weil es auch die einzige ist.

Die Sache ist die: Blogs haben Filterbubbles nach Themen und Interessen. Lokalzeitungen haben Filterbubbles nach Sozialer Klasse innerhalb einer bestimmten Umgebung. Will sagen, alle die ein Interesse am Geschehen im Ort haben und über die finanziellen Mittel verfügen, dieses Interesse durch Abo einer Zeitung Folge zu tragen, lesen diese Zeitung. Ich bezweifle, dass die meisten Leute sie genau lesen. Ehrlich gesagt: Für mich ist ihr größter Nutzen in der Zweitverwertung. Darin Müll einpacken, Fenster putzen, nasse Schuhe darauf abstellen. Sowas halt. Die Mitarbeiter im Geschäft im Erdgeschoss nutzen die Lokalzeitung auch als Einpackpapier.

Die Nachrichten von heute sind morgen schon Altpapier. Und bei einem Redaktionsschluss am frühen Nachmittag ist heute schon gestern. Viele Nachrichten dürften also schon veraltet sein, wenn sie in den Druck gehen. Und was die Vertrauenswürdigkeit angeht, so glaube ich den Versprechen des beigelegten Elektronikprospekt wohl mehr als den Worten im Lokalteil. (Aber, again, dass ich so schlecht rede, muss wohl bedeuten, dass die Tageszeitung immer noch sehr gut ist.)

Warum also trotzdem? Warum im Monat Geld für eine Zeitung verschwenden? Weil es eben der Zugang zur lokalen Filterbubble ist. Was ich hier schreibe interessiert niemand – zurecht! -, aber wenn ich einen Leserbrief in die Zeitung bringe, dann lande ich damit – als Teil eines Ganzen – auch auf den Tischen meiner Nachbarn. Und jene Meinungen, die ich ablehne, die landen auch bei mir auf dem Küchentisch. Nicht aus Interesse heraus, weil ich mich damit plagen wöllte, sondern weil diese Menschen hier sind in dieser Umgebung.

Und das ist eine großartige Sache. Menschen anzubieten, etwas zu lesen, was sie vielleicht nicht gut finden. Dinge anzubieten, die nicht genau mit dem Übereinstimmen, was sie wollen. Die Zeitung ist das Gegenmodell zu „Kunden, die dies kauften, kauften auch“. Gerade das sollten sie ausspielen, und nicht immer wischi-waschiger und gleichförmiger zu werden. Sonst sind sie bald nicht mehr als das Altpapier rund um die Todesanzeigen, bis letztlich ihre eigene drin steht.

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