„Du kennst den doch gar nicht.“

Als meine Eltern klein waren galten verschiedene Benimmregeln, die genau festlegten, was zu tun sei in welchen Situationen. So wurden Fremde mit Respekt begegnet, und in ihrem Bemühen, aus mir einen ebenso guten Menschen zu formen, wie sie selbst waren, wurde auch von mir Respekt eingefordert vor Menschen, deren Leistung ich nicht hinterfragen sollte. Ein Bürgermeister war nun mal ein Bürgermeister, ein Professor ein Professor, ein Polizist ein Polizist. Nun war ich eher das Gestein, das in der Bibel beschrieben wird. Was sie in gutem Willen aussäten, traf bei mir auf keinen fruchtbaren Boden. Im Gegenteil. Mir widerstrebte es, jemanden wegen seiner Rolle anzuerkennen. Ich fragte, was die Leute gemacht haben, was sie dachten. Ich fühle mich stark genug, auch einzufordern, dass mir „niedrigem“ jemand „Hohes“ etwas erklärt. Ich sah das als Aufgabe an. Wissen war – und ist für mich – Selbstzweck. Ob daraus ein Nutzen entsteht, ob man etwas finanziell ausschlachten kann, bleibt Nebensache. So verstand ich auch nie, wie sich Leute Beziehungen aufbauten. Ich mochte stets die Leute, die ich mochte, und die anderen mochte ich nicht. (Heute ist das ein bisschen anders.)

Jedenfalls scheute ich mich nie, auch über imaginierte oder gesellschaftlich notwendige Grenzen hinweg Fragen zu stellen. Sehr gerne sehr dumme Fragen. Ich stellte Fragen, weil ich dazu lernen wollte. Und ich hoffe, wirklich, dass das auch den Antwortenden weiterhalf. Mir jedenfalls hat das eine Welt eröffnet.

Wenn man sich irgendwann erwachsen zu geben hat, weil man ein gewisses Alter erreicht hat, sollte man aufhören dumme Fragen zu stellen und die imaginierten Grenzen anerkennen. Alte respektieren, Junge kritisieren. Zu Chefs aufblicken, auf andere herabblicken. Für den Freund mit dem Arsch wackeln – aber bitte sexy! Das gefällt mir nicht. Aber, weil ich mich dem Druck doch beuge, stelle ich keine Fragen mehr von Angesicht zu Angesicht. Ich mache mich über niemand lustig, erzähle keine zotigen Geschichten, ich bin in meiner mündlichen Kommunikation so langweilig, wie man es nur sein kann – und soll. Oft halte ich mich, aus Angst von Menschen nicht mehr die Würde anerkannt zu bekommen, zurück. Spreche keine Widerworte, wo sie mir doch aus dem Mund herausbrennen. Aber ich spucke das Feuer nicht. Wenn mich jemand kritisiert, dann stimme ich ein. Schlucke mehr, spreche weniger. Das Kind, was immer noch in mir steckt, irgendwo unter vielen Lagen, ist vermutlich enttäuscht von mir. Wäre da nicht…

… die Schrift. Die Freiheit, die mir im gesprochenen Wort fehlt – weil ich da nur die eine Rolle spielen darf – überquillt aus meinen Fingern in geschriebenes Wort. Ich schreibe unheimlich gerne. Leserbriefe, E-Mails, Blogeinträge, Tweets. Das Textfeld ist freundlich, weil es mir erlaubt, dich als Freund anzunehmen, auch wenn wir uns nicht kennen. Denn: Wenn du diesen Text liest, dann gingst du schon ein so großes Stück auf mich zu. In dem du liest, sagst du, „ja, ich will dich kennen.“ – und bekommst dann nur eine kleine, erfundene Version von mir vorgestellt. Eine, die vielleicht die freieren Kindertagen misst, eine, die mutig in sich selbst und für sich selbst steht. Das mag alles in mir drin sein, ich mag für all diese Rollen die richtigen Socken haben, und ich liebe diese zu teilen. Aber ich weigere mich, sie dir aufzudrängen.

Denn, im Gegensatz zum gesprochenen Wort konfrontiere ich – oder eines meiner dargestellten Ichs – Dich – oder eines deiner dargestellten Dichs – nicht. Ich stehe dir nicht gegenüber und wenn du das nicht magst – aus welchen Gründen auch immer -, dann kannst du alles ignorieren. Spam ist das, was du so behandelst. Und das ist völlig ok.

Im Text darf ich die Rolle des Neugierigen, des Dummen, des Depressiven geben, die mir im „echten“ Leben aus Feigheit und Regelkonformität ausgetrieben wurde. Schreiben ist der Freiraum, der bleibt, und den ich mir nicht nehmen lassen kann.

Also gut: Ich kenne dich nicht, und du kennst mich nicht. Aber Du hast diesen Text gelesen und ich habe diesen Text geschrieben und du schriebst einen Text und ich habe ihn vielleicht gelesen. Und das macht uns irgendwie ein bisschen zu Freunden. Oder Feinden. Aber zumindest – auch wenn deine Worte in Gold geschrieben sind und meine nur auf Kopierpapier -, dann sind es doch die selben Zeichen, die selben Worte, die wir verwenden um uns zu verstehen. Wir sind – im geschriebenen Wort – gleich genug, um uns entgegen zu treten. Und das ist so herrlich demokratisierend und angenehm und das Kind in mir, welches so nervig und neugierig war und seine Klassenzugehörigkeit nicht wahrnahm, das freut sich über jedes einzelne geschriebene Wort.

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