Die Woche in unabgeschickten Leserbriefen

Eigentlich komisch. Dieses Blog können potenziell alle lesen und das zu jeder Zeit und durchsuchbar, und ich habe keine Schwierigkeiten damit hier irgendwas zu veröffentlichen – auch Dinge, die ich gestern noch ganz anders sah oder die sehr persönlich sind oder peinlich oder potenziell nachteilig -, einen Leserbrief in der Zeitung dagegen erreicht nur am Tag seiner Veröffentlichung eine sehr begrenzte Anzahl an Menschen – und ist tags drauf schon Altpapier.

Trotzdem traue ich mich nicht, das, was ich in das weiße Feld der Tagblatt-Leserbriefspalte geschrieben habe, dort abzuschicken. Inzwischen ist das dritte Tab offen und darin liegen unterschiedliche Texte zu unterschiedlichen Themen und keinen habe ich abgeschickt.

Ich bin wohl doch der Feigling, als den mich jemand – hinter meinem Rücken – beschimpfte, weil ich einen bundeswehrkritischen Leserbrief schrieb.

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Auf der nächsten Seite: Drei unabgeschickte Leserbriefe, zwei davon über die Tierversuche am MPI in Tübingen, die seit Wochen die Leserbriefe dominieren, und ein völlig ernstgemeinter über die wunderschönen Katzenbilder, die seit ein paar Wochen immer wieder das Tagblatt füllen.

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Am Dienstag:
Gleich vier Leserbriefe am Dienstag behandeln die Tierversuche im MPI in Tübingen. Einer davon schrieb: „Jeder Mensch möchte glücklich und unbeschwert leben können.“ und einige weitere solche Sätze.
Auch wenn ich nicht an diesen Affenversuchen beteiligt bin, so fühle ich mich doch mitschuldig – und bin es! Denn ich bin Teil der Gesellschaft, die solche Versuche zulässt. Ich habe nicht ausreichend laut widersprochen. ‚Lasst uns bessere Wege finden zu forschen, auch wenn es teurer und aufwendiger ist.‘ ‚Nö.‘
Aber dann wieder: Ich trage Kleidung, von der ich nicht wissen kann, ob alle am Herstellungsprozess Beteiligten daran einen fairen Lohn verdienten. Wenn nicht: Wer bin ich, ihnen auch noch das wegzunehmen? Das gleiche gilt für Möbel, für Elektrogeräte, Tageszeitungen. Ich weiß nicht, unter welchen Bedingungen das Tagblatt entsteht. Ob alle Praktikanten ausreichend bezahlt werden. Ob Druck ausgeübt wird – und dennoch unterstütze ich das mit einem Abo. Vielleicht mehre ich ‚das Schlechte‘. Und dann: Was ist mit Arbeitslosen? Wo leben diese unbeschwert, genießen Freiheit, Teilhabe? Was ist mit ‚Häuslicher Gewalt‘? Schlagen die wir ‚lieben‘? Wir empören uns über das Leid der Tiere, aber das Leid der Menschen interessiert uns nicht. Es ist wichtig, dass wir die Situation der Tiere verbessern – ohne Frage! Aber was nützt’s, wenn wir gleichzeitig Menschen wie Menschen behandeln?
„Wir alle sind Träger der Machtordnung, die wir eigentlich abschaffen wollen.“ sagte Schyman 2002. Ich sage: Wir sollten zumindest damit anfangen.

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Am Mittwoch:
Bitte drucken Sie auch weiterhin diese wunderbaren Katzenbilder! Seit Sie eine Contentstrategie gegen das Internet fahren vermisse ich die Online-Welt viel weniger! Dank den Anzeigen (als Facebookersatz), der OB-Wahlkampfberichterstattung (als epic-fail-compilation), den Leser_innenbriefen (als Kommentarspalte) und nicht zuletzt den regelmäßigen Katzenbildern (für den Flausch!) konnte ich das Internet bei mir daheim fast ganz ersetzen. Fehlt nur noch ein Weg, Ihnen Leserbriefe zu schicken, dann kann ich diese Kiste endlich ganz loswerden. ;-)

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Am Freitag (teilweise wiederverwendete Passagen):
Seit gefühlt Wochen lese ich schon Leserbriefe über die Tierversuche in Tübingen. Überall heißt es, die Affen seien nicht weniger wert als Menschen oder „Jeder Mensch möchte glücklich und unbeschwert leben können“. Das ist gut und richtig und wichtig.

Andererseits deprimiert mich jeder einzelne dieser Leserbriefe. Denn es zeigt doch sehr deutlich: Das leidende Tier ist nicht weniger wert als der Mitmensch, sondern mehr.
So finden sich auf der Tübinger Montagsdemo gegen Hartz IV gut 20 Leute zusammen, keine 1200. Dabei ist „Fördern und Fordern“, das Vermitteln in sinnlose Jobs, das Komplettkürzen bei ‚Vergehen‘, die Ausgrenzung, das psychische Quälen, strukturell nichts anderes als der ‚menschenunwürdige‘ Umgang mit den Affen. Wir lesen jedes Jahr von ALG-Empfänger_innen, die sich selbst töten, wir lesen von jenen, die aufgrund von Kürzungen verhungern. Dabei sollte doch „Teilhabe“ das Ziel sein.

Das ist auch meine Schuld, denn ich bin Teil der Gesellschaft, die all dies zulässt. Ich bin Träger und Profitierender jener Ordnung. Ich profitiere – indirekt – von ausgebeuteten Näherinnen in Fernost, Kindersoldaten, KZ-Verbrechen, Ausgrenzung, sexueller Gewalt. „Wir alle sind Träger der Machtordnung, die wir eigentlich abschaffen wollen.“ sagte Schyman 2002.

Wir empören uns über das Leid der Tiere – und das ist richtig und gut und wichtig -, aber das Leid der Menschen interessiert uns nicht. Wir müssen die Situation der Tiere verbessern – ohne Frage! Aber was nützt’s, wenn wir gleichzeitig Menschen wie Menschen behandeln?

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