Sich als überheblich darstellende Unterheblichkeit (Teil 4)

Ich bin nicht stolz darauf, was ich mache oder auf welchem Weg ich mich befinde. 2006 hatte ich die Chance gehabt, aus einem Teufelkreis auszutreten. Dann 2008 nocheinmal, dann 2011, und nun stecke ich hier erstmal fest. Ich hätte eine Ausbildung beginnen sollen. Ich wollte eine Ausbildung beginnen. Ich wollte die Wahl haben, aber ich hasste es mich zu entscheiden (frei nach Billy Lunn). Mit meinem Hauptschulabschluss in der Tasche hätte ich meinen Weg machen können, aber ich schob die Entscheidung auf und legte einen Bildungsabschluss nach. Und noch einen, und noch einen. Und nun studiere ich – ausweglos, alternativlos – ein Fach, dass ich ebenso liebe und für völlig (kommerziell) sinnlos halte. Sollte ich jemals einen Job finden, liegt dies an Glück Mitleid und nicht an meiner Leistung.

Viele meiner Freunde aus alten Zeiten haben sinnvolles mit ihrem Leben gemacht. Einen „ehrbaren Beruf“ ergriffen. Etwas mit Händen, bei dem man sieht, wie es fertig wird. Auf der Baustelle eines Kumpels, auf der ich ab und an aushelfe, traf ich einen meiner alten Klassenkameraden. Er verlegte Fließen und ich war mir nicht sicher, ob er es wirklich ist. Also sagte ich erstmal nichts. Er erkannte mich und sagte meinen Namen. Und ich sagte seinen. Wir haben dann nichts geplaudert, weil wir das schon damals in Schulzeiten nie taten und das übliche „Was machst du jetzt?“ sich, wie er hier saß und Platten legte, ja erübrigt hatte. Ich sagte nur, dass ich das für einen ehrbaren Beruf halte, und wie man mir mitteilt (schreckliche Formulierung!), war das wohl als überheblich zu verstehen, dabei meinte ich es mit all dem Neid, den ich für ihn empfinde.

Er macht etwas, auf den Platten die er verlegt kann man gehen. Er wird fertig und er verdient – vermutlich – seit 9 Jahren schon Geld mit dieser Arbeit. Sein Geld. Ich finde das cool und ich bin verdammt neidisch. Alles, was ich kann – und so fühlt sich jeder Tag an – ist nur scheitern. Scheitern an fremden Ansprüchen und eigenen. Papierkrieg, hin und her. Ein kafkaesker Moloch. Friss mich. Einfach scheitern an immer neuen Sachen. An immer den gleichen Sachen. Jeden verdammten Tag hören und merken, wie ich immer kleiner und unbedeutender werde, wie ich Kosten verursache und ich immer weniger verstehe. Ich habe noch nichts in meinem Leben erreicht und – wenn wir das hochrechnen – werde ich auch nie etwas erreichen. Deshalb bin ich neidisch. Darauf, dass er etwas kann und etwas schafft. Seine Hände schöpfen. Meine halten sich an billigem Alkohol fest. Er hat Freundschaften, Beziehungen, Arbeit, Zukunft. Ich habe Angst vor dem Aufstehen – und ich wünschte, das wäre übertrieben.

Vielleicht bin ich deshalb gerne auf der Baustelle. Zumindest bekomme ich den Eindruck, dass mein Dasein damit nicht völlig sinnlos ist. Aber ich kann so viele Holzplatten festschrauben wie ich möchte, die Wahrheit ist: Meine Existenz bleibt sinnlos, mein Dasein ohne Bedeutung, ich werde sterben – zu bald um etwas zu verändern, zu spät um das Leiden zu verkürzen – und nichts wird von mir bleiben. Denn nichts was ich jemals getan habe war gut genug.
Ich war kein guter Freund, kein guter Klassenkamerad, kein aktiver Denker, kein guter Leser, kein lesenswerter Blogger, kein auch nur mittelmäßiger Student, ich konnte kein Handwerk und war zu nichts nütze. Ich war, bin und werde nichts. Und die besten Zeiten sind vorbei.

Und ja, ich bin das Arschloch in dieser Geschichte (und in jeder anderen auch) und das ist (zumindest in diesem Fall) nicht Absicht gewesen.

Und doch ändert es nichts. Schweige ich, wirkt meine Unterheblichkeit weiter überheblich. Entschuldige ich mich für mein Handeln oder fange anderweitig ein Gespräch an, so wirke ich nur herablassend. Bitte ich einen Freund zu vermitteln, so scheint es nur, als würde ich „Boten“ losschicken. Jede Geste, jedes ernst gemeinte Wort, verschwimmt doch zur wahrgenommenen Gehässigkeit. Und daran bin ich schuld. Dem bin ich mir bewusst. Denn ich setzte diesen Filter, diese Erwartung, diese Deutungshypothese meines Handelns in den Kopf eines alten Kameradens. Die Chance eines guten Eindrucks habe ich vertan. Nicht mit Absicht oder bösem Willen – aber das ändert nichts.

Ich kann eben nichts richtig machen. Was ich auch tue, jede Schlacht ist bereits verloren, mein Bauer – denn mehr zu setzen hatte ich in diesem Schachspiel nicht getraut – ist längst matt gesetzt. Und niemand gibt mir den Gnadenstoß. Nicht einmal ich selbst.


„Ich finde du wirkst da ziemlich überheblich.“ schnaufte Langeweile triumphierend ins Telefon. „Ich kann da ja nicht gewinnen.“ entgegnete Beliebtsein, seufzend. „Stilisiert du dich damit nicht zum Opfer? Das finde ich ziemlich scheiße von dir.“ „Schon, aber ich bin halt in jeder Geschichte der Arsch. Also als Täter, meine ich jetzt.“ versuchte er sich zu erklären, wohlwissend, dass es nichts nützt. Langeweile kicherte leicht. „Ich schreib‘ jetzt sofort einen Krimi, bei dem der Täter ein großer Hintern ist.“ Sie legte auf, weiter kichernd, wie immer ohne Verabschiedung. Beliebtsein hielt den Hörer noch ein bisschen fest, denn wenn der einzige Mensch in seiner Welt aufgelegt hatte fühlte er sich immer etwas leer und sehr ziellos, so als gäbe es nichts anderes in der Welt zu tun, als auf das nächste Klingeln zu warten. Aber das, nun, das konnte er selbst ihr nicht erzählen.

4 Antworten auf „Sich als überheblich darstellende Unterheblichkeit (Teil 4)“

  1. Mir kommt da eine – vielleicht bittere – Ironie in den Sinn. Viele Studierte, mich eingeschlossen, die ich kenne, verfallen in solchen Phasen darauf, sie wären besser Gärtner geworden. Ich denke das tatsächlich auch oft, wenn mir ein Gärtner über den Weg läuft. (Zum Glück ist jetzt Winter, da haben sie anderes zu tun.)

    1. Ich kenne dank meiner Familie einige Gärtner. Viele von denen sagen, rückblickend hätten sie lieber studiert. Vielleicht ist einfach gar nichts gut genug. :)

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