Ich trage die Überwachung nicht mit.

Ich bin gerne selbst schuld an meiner Lage. Wenn mich jemand nicht leiden kann, dann möchte ich bewusst dafür sorgen. Will jemanden bewusst vergraulen. Wenn mich jemand mag, dann will ich bewusst nett zu diesem Menschen sein – und mir so das Gemocht werden ‚verdienen‘.

„Wir alle sind Träger der Machtordnung, die wir eigentlich abschaffen wollen.” (Schyman 2002.)

Dieser Gedanke gefällt mir. An etwas schuld zu sein, verantwortlich zu sein, eine Änderung herbei führen zu können – oder zu verhindern. Klar, nur gemeinsam geht das, aber ‚gemeinsam‘ heißt ja eben nicht auf alle zu warten oder jemanden von oben bestimmen zu lassen, sondern aus mir selbst heraus – und aus allen anderen heraus. Gemeinsam eine Veränderung zu bewirken bedeutet ersteinmal in sich selbst eine Veränderung zu bewirken – das sagt mir zu. Teil eines Ganzen zu sein bedeutet, sich nicht verstecken zu können, sondern die eigene Mitwirkung durch Mitwirkung vieler wirksam zu machen.

Nun gibt es aber Dinge, die ich in keiner Form mittrage, unterstütze, ja die ich nicht als eine von mir gestützte Machtordnung empfinde, die aber dennoch vorhanden ist – und die ich auch mit großer Anstrengung nicht weg bekommen werde. Der BND brach jahrelang die Verfassung und das ist nicht ok.

Trage ich die Machtunterschiede zwischen Überwachern und Überwachten mit, und kann ich dieses Machtgefüge in irgendeiner Form zerbrechen? Nach meinem jetzigen Kenntnisstand: Nein. Zumindest nicht, ohne alles™ dabei ebenso zu zerstören. Ich habe keine Möglichkeit, beginnend in mir, die mir gegebenen Umstände zu ändern. Kein ‚Marsch durch die Institutionen‘ wird daran etwas ändern. Ist der Rechtsstaat ausgehebelt, kann ich ohne ver-phoenix-en (also Ende und Wiedergeburt) genau gar nichts machen – zumindest fällt mir nichts ein.

Hinzu kommen Hiobsbotschaften wie TTIP und CETA, gegen die allenfalls Rückzugsgefechte (widerliche Kriegsrhetorik!) möglich scheinen. Vielleicht, denke ich in dunklen Stunden, sollte ich einfach zusehen wie unsere und meine Welt an die Wand fährt und hier keine Mühe darauf verwenden, für ein Bremsen zu argumentieren.

Vielleicht wäre es einfacher sich völlig abwegigen Dingen zu widmen. Bei ausreichendem Alkoholkonsum kann ich vielleicht Chemtrails für möglich halten – zumindest solange das meine Leber mitmacht.

Andererseits: In dem ich Teil der Gesellschaft bin, die Überwachung zulässt, bin ich nicht auch Träger dieser? Unterstützte ich nicht durch Steuern, durch Internetnutzung und ‚kritische‘ Blogeinträge (welche Übertreibung!) diesen – ich möchte es so drastisch ausdrücken – Überwachungsstaat? Oder rechtfertige ich ihn nicht durch meine Abneigung dagegen? Bin ich das potenzielle Risiko (welche alberne Vorstellung!), welche den Überwachungsapparat erst notwendig macht?

Oder, abstrakter, fördert der Widerstand gegen Unrecht nicht die Verschärfung des Unrechts? Also, bin ich am Ende doch schuld? So wird es sein.

Sorry, Edward; sorry, alle™; ich bin schuld am Überwachungsstaat.

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