Zu jung fürs Ignorieren, zu alt für ergebnisoffene Diskussionen.

Ich bin an einem unangenehmen Punkt angelangt. Noch bin ich zu jung, dass mir alles scheiß egal wäre und ich auch mit beispielsweise einem schwer-rassistischen Nachbarn Biertrinken gehe, schlicht, weil ich dankbar bin, überhaupt menschliche Beziehungen zu haben. Gleichzeitig bin ich schon so alt (hehehe), dass es mir körperlich schwer fällt, Meinungen zu ertragen, die ich für absoluten Bullshit halte. (vgl. auch: Allison Weiss: Say what you mean) Einige Beispiele:

Menschen, die „den“ Feminismus für schädlich/gefährlich halten.
Ernsthaft, Leute, ernsthaft? Erstens gibt es nicht „den“ Feminismus, zweitens kannst du doch nicht ersthaft dagegen sein, dass Frauen wählen dürfen und nicht nur in der Küche stehen dürfen. Patriarchat (buzzword, sorry.) schadet dir, selbst wenn du ein weißer CIS-Mann bist, denn wie sollst du je sicher sein können, nicht aufgrund deines Geschlechts und deiner Orientierung erfolgreich zu sein, sondern weil du etwas gut kannst? Was? Du glaubst, dass Frauen keine Seele haben, sondern erst in der Hochzeitsnacht eine in sie eindringt? Los, zurück ins 18. Jahrhundert!

Menschen, die Genderforschung für „ideologisch geprägt“, aber Wirtschaftswissenschaften für objektiv halten.
Oh! Diese! Schmerzen! Natürlich ist Genderforschung ideologisch geprägt. Alle, die behaupten, sie seien „ideologiefrei“ sind entweder sehr dämlich oder sehr hinterlistig. Alles – alles! – hat irgendeine Form von Ideologie dahinter – auch wenn du dir dieser oft nicht bewusst bist und sie nicht benennen kannst. Auch z.B., wie du Blut siehst, wie Honig riecht, wie du Texte liest und deutest, die komplette Wissenschaft, schlicht: Alles. Irgendjemand vorzuwerfen, sie_r oder das was sie_r macht sei ideologisch geprägt ist ungefähr so sinnvoll wie schockiert auszurufen: „Aber DER DA HINTEN atmet den ganzen Sauerstoff weg!“.

Menschen, die Esoteriker, Reichsbürger, Truther, Chemtrail-People und Männeraktivisten sind.
Vor einigen Jahren dachte ich, „Jo, wenns den Leuten im Alltag hilft, dann soll’n sie doch“. Inzwischen wird mir schon beim ersten Satz, den jemand zu diesem oder angrenzenden Themen spricht, richtiggehend übel. Vor allem jener Zweig dieser Leute, die Missionarisch auftreten und „Homosexuelle heilen“ wollen oder etwas gegen die „Propaganda der Massenmedien“ machen wollen. Gleichzeitig bin ich selbst „Aluhut“, glaube ich doch, dass Geheimdienste uns überwachen, hohe Politiker nicht ehrlich spielen und Medien niemals wirklich komplett frei berichten (und natürlich hänge ich da auch mitdrin, mit verinnerlichtem Männer- oder Frauenbild.) .

Menschen, die für/gegen die Antifa sind.
Dass keine Neo-Nazis vor deiner Haustüre gegen Flüchtlinge demonstrieren ist vor allem einer Antifa zu verdanken, die sich unermüdlich an jenen reibt. Nazis, die Antifas prügeln und Antifas, die Nazis prügeln, prügeln nicht dich/dein Nachbarn. Und es ist nicht wirklich vergleichbar, Links- und Rechtsextremismus. Weil die einen Menschen ermorden, Flüchtlingsheime anzünden, und die anderen prügeln Nazis und machen – allenfalls – Autos kaputt. Wer Links- und Rechtsterror gleichsetzt, versucht vor allem Angst zu machen vor der gesellschaftlichen Wirkung von Aufständen (ohne Riots hättest du noch nen Fürsten, 12-Stunden-Arbeitstag und keinerlei Rentenversicherung, Gleichstellung, Wahlrecht, Menschenwürde, yada yada yada).
Andererseits muss man auch Antifas kritisch finden. Wie es keine Solidarität mehr gibt, weil sich alles aufspaltet und… meh.

Menschen, die Homosexualität als Krankheit / gegen Gott / etc. halten
Gott hat Homosexuelle so geschaffen, wie sie sind. Wenn Gott uns so schafft, aber nicht möchte, dass wir unsere Homosexualität mit Partner_innen ausleben, die das auch wollen, ist Gott ziemlich … fies. Punkt.

Menschen, die mich weiterhin für zurechnungsfähig halten.
Was ist denn bitte mit dir los? Du glaubst auch nur ein halbes Wort, dass ich hier schrieb? Das ist alles Bullshit. Alles ist Bullshit. Ich, du, Müllers Kuh, Müllers Bullshit… wir. Alles in diesem Blog ist fiktional, ich meine nichts mehr ernst, alles… Bullshit.

Menschen, die Katzen nicht mögen.
Ernsthaft? ERNSTHAFT? Wie … also… NEIN!

Die Angst, dass jemand, den ich mag oder von dem ich hoffe, sie_ihn mögen zu können, Bullshit sagen könnte, sorgt dafür, dass ich lieber nichts mehr sage, keine mir wichtigen Themen anspreche. Banalität, Banalität. Ich mag die Menschen weiter, die ich mag, auch wenn sie Dinge sagen, die ich nicht hören will. Aber ich kann niemanden mehr kennenlernen, denn zu schnell stoße ich an eine Betonmauer. Zu schnell lasse ich Mitmenschen gegen meine Betonmauer laufen. Doch wie Rassisten akzeptieren, die selbst zuwanderten, wie Nazis akzeptieren, wie Leute gut finden, die Merkel mögen oder die Piraten wählen oder die Linke oder sonst wen?

Ich mag nicht einmal mich selbst, wie soll ich dann jemand anderen mögen lernen?

[…]

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