Nach dir wird nie jemand suchen, so scheiße wie du bist.

Im Internet steht alles – und zu fast allen lässt sich Kontakt herstellen. Menschen, die sich in jemand fremden – oder jemand, den sie kennen, aber noch keinen Kontakt herstellen konnten – verknallen mögen die Möglichkeiten der Crowd (oder wie man das aktuell nennt) sehr verlockend finden.

Den Menschen, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht, im Internet beschreiben, wo man sich traf und vielleicht redete, und dadurch diesen Menschen finden, treffen, lieb haben. Das wäre dann auch eine schöne Geschichte für die gemeinsamen Kinder. „Wo hast du Mutti den kennengelernt?“ „Ich sah sie auf einer Party, aber wir tauschten keine Nummern. Daher setzte ich die ganze Welt in Bewegung, um sie wieder zu finden. Denn ich konnte mir einfach nicht vorstellen, ohne sie weiter zu leben.“

Der Romantiker in mir – ein kleiner Troll mit langen, roten Haaren, der meistens in einer Ecke sitzt und in sich hinein weint – findet das total cute und großartig. Das Internet verbindet Menschen. Der Zyniker – ein gemächlicher alter Mann mit Anstecknadeln am Revers, verkehrtem Lächeln und mit müden Augen auf einer Schreibmaschine Leserbriefe tippend – findet dieses Verhalten doof.

Jener Zyniker hat dann auch einen Anlass, diese Praxis des Menschen findens nervig zu finden. Heute morgen las er in einer Gruppe, die eigentlich zum Austausch von Gebrauchtwaren ist, von einer jungen Frau, die für ihre Freundin nach einem Mann sucht, welchen diese an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Supermarkt gesehen habe. Jener junge Mann hätte Tattoos dort gehabt, ein so-und-solches Auto gefahren, seine Mutter dabei gehabt, welche Nationalität er habe und so weiter.

Warum die junge Frau diesen Mann sucht – also außer, dass sie es im Auftrag einer Freundin tun – war sie nicht bereit mitzuteilen – und postete das ganze, nachdem darüber eine Diskussion entbrannte und sie den Thread löschte, einfach nochmal. Ein Kommentar unter dem Originalpost sprach davon, dass es sie wohl „erwischt“ habe, und ein anderer verteidigte „Liebe“ gegen die Kommentare von Zynikern wie mir (ich löschte meinen Kommentar sofort nach der Veröffentlichung, dessen 30 Sekunden lange Existenz reichte dennoch aus, damit man darauf reagierte).

Was stört dich daran, Zinka Zyniker?
Ich kann nichts dagegen finden, wenn Menschen, die sich verlieren und bei denen beidseitiges Interesse an einem Wiederfinden besteht, das Internet dafür nutzen, sich zu finden. In der Regel geschied dies außerhalb meines Wahrnehmungsbereichs auf „Spotted„-Seiten. Sollten solche „Hilfegesuche“ auf andere Seiten ausgeweitet werden, dann kann ich das auch geflissentlich ignorieren. In diesem speziellen Fall ist dem aber nicht so.

Im ihn* beschreibenden Text ist kein Hinweis darauf, warum er* gesucht wird – und von wem. Wenn sich Menschen nicht gegenseitig suchen, sondern eine Person öffentlich aufruft, einen bestimmten Menschen an sie zu melden, dann ist das mMn eine Fahndung. Gesucht wird ein kleiner PKW mit grauem Lack und cutem Fahrer. Das macht normalerweise nur die Polizei, oder sehr schlechte Radiosender, und die Polizisten dürfen das auch nur bei Tatverdächtigen machen (AFAIK).

Vielleicht möchte dieser junge Mann gar nicht gefunden werden. Es ist ihm freigestellt, nicht gefunden zu werden. Niemand muss wissen, wann ich wo war, wer ich bin und warum. Will ich das nicht teilen, muss ich mich nicht öffentlich von jemand darstellen lassen. (Wobei ich das durchaus differenziert sehe, ob man nun eine Einzelperson sucht und beschreibt, oder beispielsweise ein bestimmtes Verhalten an mehreren, in der Masse wiederum anonymen, Beispielen festmacht; vllt. wieder anders bei Personen des ‚öffentlichen Lebens‘?, usw.)

Dazu kommen einige Aspekte, die dieses Thema teilweise schneidet. Etwa die Annahme, dass jemand, weil er ein Mann sei, in einer bestimmten Art gekleidet oder ähnliches, automatisch an Frauen Interesse haben müsste (Heteronormativität ist voll schwul.) und man deshalb in seinem Interesse handele (Entmüdigung, „jeder seines nächsten Eigentum“), wenn man ihn mit einem interessierten potenziellen Partnermenschen zusammenbringt. Würden wir die Gender hier vertauschen – würde also eine Frau gesucht werden durch einen Mann, die an einem bestimmten Ort zu bestimmter Zeit war -, so wäre (auch für mich) der Fall klarer, da bekannter und schon öfter kritisiert. Ich glaube aber, dass es schwierig ist, zu argumentieren, warum wir die Sexualisierung, die Objektifizierung, die Herabwürdigung eines Menschen zu „Seen it, want it“, bei einem Geschlecht* bekämpfen müssen, während wir es bei einem anderen Geschlecht* nicht tun müssen. (Binäre Geschlechtervorstellungen sind auch voll schwul.)

[…]

Dass ich dies kritisiere soll und darf selbstverständlich nicht den Umgekehrten Fall verharmlosen. Die hier geäußerten Gedanken dürfen auf keinen Fall so verstanden werden, dass „es ja auch übergriffiges Verhalten von Frauen gibt“ und Übergriffiges Verhalten durch Männer deshalb „weniger schlimm“ sei. That’s Bullshit and you know it.

Der kleine rothaarige Troll in mir, nennen wir ihn Thorsten Treudoof („Ey!“), würde nun fragen, ob die Liebe oder das Verliebtsein nicht rechtfertigt, dass man Grenzen überschreitet. Ich sage – (wer immer das gerade ist) – aus voller Überzeugung:

Liebe ist keine Ausrede.

Dabei mag auch ein wenig Wehmut mitschwimmen, aber übergriffiges Verhalten, öffentlich machen des Verhaltens von Privatpersonen, all diese Dinge, die durch das Posting einer jungen Frau, die nach einem jungen Mann fahndet, berührt wird, braucht einen wichtigeren Grund – der dann auch genannt werden sollte.

[…]

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Offenlegung: Vor einigen Jahren suchte ich einmal eine junge Frau über das Internet, welche ich bei einem Fest kennengelernt hatte und von der ich den Eindruck hatte, dass ein Interesse an einem gemeinsamen Kaffee und ‚Beschnuppern‘ beidseitig sei, es aber leider nicht zum Austauschen von Nummern kam (weil keiner sich traute zu fragen).

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