„Und das ist ganz sicher kein Rassismus, nein nein, schließlich würde man ja sonst den Mohren Balthasar gar nicht richtig erkennen können, wenn der nicht schwarz im Gesicht wäre!“

Eigentlich bin ich begeisterter Leserbriefschreiber, Demogänger und Studierender. Aber dann bin ich wieder feige, faul und verloren – und mache nichts, verstecke mich, schreibe Blogeinträge statt Hausarbeiten, Protestschildern und Briefen.

Shit.

Jedenfalls sahen wir in einem unserer Teilorte heute erwachsene Männer, die sich als die „Heiligen Drei Könige“ verkleidet hatten und Spenden sammelten. Einer von ihnen trug schwarze Schminke. Irgendwie irritierte mich das, und ich redete mit meinem Bruder darüber. Die Kinder, die bei uns Sternsinger sind, haben keine schwarze Schminke mehr. Ich schrieb deshalb – vielleicht auch, weil ich mich insgeheim freute, hier ein interessantes Thema gefunden zu haben – einen Entwurf für einen Leserbrief. Dann warf ich diesen weg, schrieb nocheinmal zwei Entwürfe und mache daraus dann einen, der mir halbwegs zusagte. Ich erwähnte darin auch die antirassistische Kundgebung „Rottenburg gegen Rechts“ und die Geschichte damals, wie die Figur eines schwarzen Bettlers, die beim Einwurf von Geldmünzen nickte, nach einem Leserbriefstreit aus der Krippe in einer unserer Kirchen entfernt wurde.

Doch dann schickte ich ihn nicht ab, sondern zeigte ihn, zur Kontrolle, ein paar Freunden. Eigentlich wollte ich nämlich keine Leserbriefe mehr abschicken.

***

Entwurf für einen Leserbrief vom 6. Jänner 2015.
Am 6. Januar war ich mit meiner Familie in Kiebingen. Dort sahen wir mehrere Gruppen von Sternsingern, die sangen und um Spenden baten. Einer dieser „heiligen drei Könige“ – er stellte sich als „Balthasar“ vor – hatte im Gesicht schwarze ‚Schuhcreme‘ sowie dicke rote Lippen. Dies halte ich aus mehreren Gründen für eine mindestens fragwürdige, vielleicht sogar rassistische Praxis.

Dieses „Blackfacing“ gibt es schon seit einigen Jahren nicht mehr in unserer Ehinger Gemeinde – zumindest wenn ich den Kindern trauen darf, die letztes Jahr bei uns waren. Möglicherweise wolllen die Sternsinger_innen nicht mehr Schminke tragen und flexibler sein in ihren Rollen, möglicherweise sind sie toleranter und wollen keine rassistischen Stereotype mehr aufkochen. Das weiß ich nicht.

Aber ich weiß: Die Menschen unserer Stadt und unserer Dörfer haben viele Hautfarben. Wir sind vielfältig, tolerant und offen. Zumindest haben wir das kurz vor Weihnachten behauptet. Bereits an Dreikönig mit diesem Vorsatz wieder zu brechen und lachend „den Mohr“ zu geben … nun ja.

Warum bleibt das Blackfacing, aber das „Nick-Negerle“ wurde aus dem Weggental ‚abgeschoben‘? Und wie wollen wir denn bitte unseren neuen Mitbürger_innen aus Gambia und anderen Ländern glaubhaft versichern, dass die weißen „Weisen“, die sich schwarz im Gesicht anmalen, „natürlich keine Rassisten“ sind?

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Das alles legte ich also mehreren Personen aus meinem Freundeskreis vor, weil ich mir ja eigentlich vorgenommen hatte, keine Leserbriefe mehr zu schreiben, und weil das ja auch auf sie zurückfallen würde. „Was ich tue“, schrieb ich einer Freundin, „fällt auch auf die soziale Gruppe / den Freundeskreis / meine Familie / meine Bevölkerungsgruppe zurück, der ich angehöre. [Und] ihr habt schon [so] schwer genug an mir zu tragen.“

Sie sagten mir zum Beispiel, dass ich nicht wolle, dass wegen mir die Sternsinger verschwinden, dass es ja Tradition sei und „kann es für schwarze Christen nicht auch ein schönes Gefühl sein zu sehen auch sie sind mit einbezogen und gehören dazu anstatt sie aus unseren/ihren religiösen Bräuchen auszuschließen?“. Hätte ich solche Argumente anderswo gehört, hätte ich sofort verneint, aber da es sich um Freunde handelte, war ich unsicher. Dann kam noch, dass wenn wir Männer in Frauenkleidern und Homosexuelle akzeptieren auch Leute akzeptieren müssten, die es schön finden, sich schwarz anzumalen. Oh, dachte ich, ist das ein Witz oder ist das richtig so? Bin ich schon so weit weg von der üblichen Realität, dass ich mir da nimmer sicher bin? Vermutlich, dachte ich, haben sie Recht und ich Unrecht. So ist das meistens. Und selbst wenn es nicht so ist, dann ist es besser, wenn ich ihre Meinung annehme, weil diese die gerade angemessenere ist. Die gesellschaftlich gewollte und akzeptierte. Nicht auffallen, angenommen werden so wie man sein soll, nicht so wie man ist, das ist alles wichtiger als was ich für richtig halte oder wie ich mithelfen will, die Welt zu einem für alle ihre Bewohner_innen besseren Ort zu gestalten. Nun…

Und ohnehin, dachte ich, wollte ich ja aufhören Leserbriefe zu schreiben.

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