Yass.

Folgenden Eintrag schrieb ich unter Alkoholeinfluss. Ich habe ihn nicht nüchtern Korrektur gelesen und weiß nicht, worum es darin genau geht. Aber ich war betäubt, als ich ihn schrieb, weil ich die Welt nicht nüchtern ertrug. Du bist also gewarnt.

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Die Nachrichtenlage lässt sich gerade recht gut daran ablesen, wie das Verhältnis von Rum in meinem Tee ist und wie lange ich nach den Nachrichten Katzenvideos schauen muss, um wieder zumindest ein bisschen mit der Welt klar zu kommen. Nun. Spätestens seit gestern besteht mein Tee nur noch aus Rum und seit über einer Stunde sagt eine Katze auf jede Frage yass.

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Auf Facebook sind die Leute mit allen befreundet, irgendwie, und so geht der Riss direkt durch meine Kontaktliste. Da ‚wir‘, da Pegida. Willst du diesen Menschen die Freundschaft kündigen? Yass! Traust du dich das nicht? Yass! Doof. Yass.

Einer dieser Menschen, die ich gerne mögen will, aber nicht mögen darf, weil sie etwas mögen, welches ich nicht mag (Yass!), spült mir ein von Pegida – der Facebookseite – geliketes Video (Yass.) in meinen Aufmerksamkeitsstrom. Es stammt von einer der Regionalausgaben der Sat.1-Nachrichten, in der ein Mann mit wirren Haaren und kurzem Bart irgendeine Studie zitiert, ohne sie dabei zu nennen, irgendwas davon erzählt, dass Pegida keine Randerscheinung sei, sondern die Hälfte der Deutschen so denke und dann sagt er: „Ihr Politiker müsst jetzt etwas tun. Wir haben da auch kein Rezept, aber ihr müsst uns Bürgern jetzt zeigen…“ Yass. Vor meinen Augen verformt sich der Kopf des Kommentators zu der Katze. Ich umklammere meine Beine – oder ist es die Tastatur? – und sehe, wie mein Glas schon wieder ein Stückchen leerer ist.

Tief aus dem Ätherrauschen höre ich noch, wie der Kommentator noch gegen ‚Genderisierung‘ wettert. Wir müssen zuerst dieses eine Problem lösen – ich habe schon vergessen, worüber er genau redet -, bevor wir etwas anderes anfangen.

Ich nehme noch einen großen Schluck. Leer. Möchtest du noch einen … Tee? Yass. Zwischen den Haaren der Reporteryasskatze und dem Like-Häckchen einer Freundin schimmert ein Text hervor. Wie der LOST-Schriftzug erscheint er vor meinen Augen. Großbuchstaben. Sat.1-Nachrichten-Sprech.

„ES GEHT EIN RISS DURCH DEUTSCHLAND!“

Oh, denke ich,
gieße nach,
oh,
nehme noch einen Schluck,
oh.

Es ist immer noch nicht genug.

***

Gerade redete man noch von „Lügenpresse“ und nun sind da 12 erschossene Journalisten, die man zu Märtyrern erhebt, weil sie von den richtigen – den bösen? – Leuten erschossen wurden. Ich will solidarisch sein mit den Hinterbliebenen, Respekt vor den Toten haben, aber die täglichen Zahlen betäuben mich. Ich eckele mich vor mir selbst. Alle Menschen sind gleich. Aber für diese 12 trauern wir, und die nächsten 2000 sind uns nur 20 Sekunden im Nachrichtenblock wert. Jaja, dort tausende Flüchtlinge, da diese Krankheit, dort jener Terror. Jede Stunde sechzig Schweigeminuten. Ich kann einfach nicht mehr.

Zuerst hören wir zwanghafte Solidarisierung. Schweigeminuten auch in Deutschland. Ein Angriff auf die Pressefreiheit. Trauerflor. Islamistischer Terror? Oder war es Islamischer Terror? Oder ganz etwas anderes? „Nur“ Mord? Politisch vielleicht. Ich fahre Bus. In einem Schaufenster steht „Je suis Charlie“, so als wäre das ein neues Hipstergetränk. Irgendein_e Twittermensch spült einen anderen Vergleich in meinem Kopf. Ich sei nicht Charlie, sondern Ahmed, der tote Polizist. Charlie hätte sich lustig gemacht über … alles, und ich sei gestorben sein Recht verteidigend das zu tun. Als ob es etwas ändern würde, wenn ich mich an die Stelle der Ermordeten imaginiere.

Yass!

Hat jemand die Zeit gestoppt, wie lange es dauerte, nach dem die Schüsse in Paris fielen, bis jemand die geheuchelte Bestürzung ablegte und vor einem Kreisverband / Schützenverein / einer TV-Kamera endlich wieder die Einführung der Vorratsdatenspeicherung forderte? Ich glaube es kann nicht lang gewesen sein. „Ihr Politiker müsst jetzt etwas tun. Wir haben da auch kein Rezept, aber…“ Yass. Vielleicht sollten wir unseren Atommüll nicht in Salzstöcken lagern, sondern in dem Konzeptpapier zur Vorratsdatenspeicherung. Oder Anti-Irgendwas-Argumenten. Du kannst mit Wahrheitbomben darauf feuern, aber die Lügen und Halbwahrheiten bleiben. Völlig unzerstörbar.

Zyniker, denke ich, yass. So bin ich also geworden.

Mein Kopf schüttelt sich. Wie umgehen mit den Pegia-Leuten, wie umgehen mit den NoPegida-Leuten? Wo ist der dritte Weg? Lago…yass. Und warum denke ich, wie als wäre das selbstverständlich richtig, dass die Mitte aus zwei Extremen der richtige Weg sei? Dabei könnte ja auch ein Extrem richtig sein? Zwischen „Anti Alles“ und „Liebe deine_n Nächste_n wie dich selbst“ ist eben nicht der Mittelweg – sich unter einer Flauschdecke verstecken (Yass!) und Rumcola trinken (Yass.) – das richtige, sondern die bedingungslose Liebe aller Menschen. Oder sowas. Mein Kopf beginnt sich von den traurigen Nachrichten zu lösen.

Meine Titanic sinkt zwischen zwei Eiswürfeln. Ich sitze auf ihrem Schornstein und tauche ein. Genug. Der Rum schließt sich über mir und wie ich untergehe, so verschwimmt alles schlechte, alles traurige, und ich denke nur noch an ein paar Katzen und was sie so getan haben.

***

Nichts ist wahr. Nichts ist gut.
Ich werde nichts ändern können.
Nichts wird besser.

Ich genieße nochmal nach. Sicher ist sicher.

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