Schrieb mir wirklich der Chefredakteur der Katzenfachzeitschrift?

[Notizbuch, 10. Dezember 2014.]
[Eckige Klammern sind hinzugefügtes/gekürztes.]

Heute morgen schneite es leicht. Es blieb zwar nichts liegen, aber die Kälte und das herabrießelnde Eis waren schon schön. In der Ehingerstraße stand eine alte Frau am Fenster und schaute sich die fallenden Flocken an. Ich blickte sie, wie ich um 11:35 zum Zug ging, kurz an und sah zu meiner Verwunderung eine Katze auf ihrer Schulter sitzen. Es freudigte mich und ich nickte ihr [- der Frau? der Katze? -] zu. Sie nickte zurück.

Ein paar Stunden später.

Eigentlich war die Dame mit der Katze auf der Schulte das Highlight meines Tages.

Ich versuchte es mir zu merken. Kurz, zuvor hatte ich einen Leserbrief abgeschickt. Doch inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher. Das ich den Leserbrief abschickte kann ich nachprüfen, aber die Frau im Fenster mit Katze auf der Schulter? Wie sah die Frau aus? Welches Fenster wars? Was für eine Katze saß dort – saß sie wirklich da? Ich weiß es nicht.

Gegen 18 Uhr abends erhielt ich eine Antwortmail des Chefredakteurs der Zeitung, an die ich einen Brief geschrieben hatte. „Kritik an uns ist für einen Leserbrief in Ordnung. Ihrer unterliegt aber einem grundlegenden Missverständnis. (…) Deshalb ziehen Sie bitte entweder den Leserbrief zurück oder schreiben ihn um.“

Daheim musste ich mich sehr konzentrieren. „Du musst nicht Recht haben.“ sage ich mir immer wieder vor – habe ich das wirklich getan? – und antwortete: „Sehr geehrter Herr Dr. S[.], herzlichen Dank für den Hinweis. Bitte betrachten Sie meinen Leserbrief als zurückgezogen. Mit freundlichen Grüßen, Sebastian S[.]“, nachdem ich alle möglichen gehässigen, rechthaberischen Formulierungen tilgte.

Je mehr ich über den Leserbrief und die Antwort des Tagblatts nachdachte, je mehr ich versuchte mich an die Katze zu erinnern, desto mehr war ich unsicher.

Plötzlich wurde mir klar: Ich werde gerade einer dieser rechthaberischen Verschwörungstheoretiker, die einem jede Diskussion zerstören und ich kann meinen Erinnerungen, meinen Aufschrieben, Gefühlen und Gedanken nicht trauen.
Ich selbst bin der Unsicherheitsfaktor und die Chancen stehen recht gut, dass ich nicht nur Probleme mit der Wahrnehmung der Realität habe, sondern auch strunzdumm bin.

Überhaupt muss ich annehmen, dass die Leute aus gesellschaftlichen Zwängen oder Rücksicht überhaupt etwas mit mir zu tun haben. Vermutlich auch nur höchst widerwillig.

„Wenn es das meint gerettet zu sein kannst du meinen Platz haben, lass mir nur dein Grab.“ (Mudhoney: The Lucky Ones)

Ich kann mir nicht mehr selbst trauen.
Was ich rede, tue, bin, wahrnehme, ist höchstwahrscheinlich Bullshit.
Wozu also weiter existieren?
Weil ich vielleicht auch da falsch liege.

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