Wir können so viel.

Generation ‚Kein Bock‘ auf Politik
Das Internet war für euch Neuland
Doch für uns gilt das nicht
Wir können recherchieren, aufklären und bewegen
Also gleich, erst schauen wir Epic-Fail-Compilations

[Edgar Wasser in: Juse Ju (u.A.): Übertreib nicht deine Rolle.]

In meiner Heimatstadt wurden zwei Frauen aus Gambia, die in einer Flüchtlingsunterkunft leben, angegriffen. Am Tag vor dem Heiligen Abend solidarisierten sich deshalb jede Menge Bürgerinnen und Bürger gegen diese Gewalt. „Rottenburg gegen Rechts“ lautete der Titel der Kundgebung, zu der angeblich 2000 Leute kamen. Der Bürgermeister und die Kirchen und Parteien hatten dazu aufgerufen. [Ich schrieb darüber bereits.]

Irgendwie hatte ich ein komisches Gefühl. Zum einen dabei, wie ich im Nachhinein Facebook-Kommentare las, die sich über die Anwesenheit der Antifa Tübingen-Reutlingen beschwerten. Extremisten würden hier gegen Extremisten demonstrieren. Dabei hatten sie nur ein Banner dabei, das daran erinnerte, dass der Rassismus nicht im Kopf eines irren Einzeltäters steckt, sondern in vielen Köpfen, vielleicht auch in meinem und deinem, und dass auch der Staat und die Stadt rassistische Tendenzen aufweisen können. Das wöllten sie bekämpfen, stand da, sinngemäß, und jene, die an einem Tag im Jahr auf einem Marktplatz ganz ohne Gefahr sich ein bisschen anhörten, was so gesagt wurde, die störten sich an jenen, die jeden Monat, jede Woche, vielleicht sogar jeden Tag ohne Bezahlung aktiv werden gegen die Rechten und Rechtsradikalen. Die Demos blockieren, die nicht in der warmen Jacke sich das Friedenslicht aus Bethlehem weitergeben lassen, sondern teilweise unter Lebensgefahr sich für etwas einsetzen. Natürlich sollte man vieles davon völlig zurecht kritisieren, aber wenn friedlich Antifa-Anhänger_innen dort dabei sein wollen, dann kann ich daran nichts falsches finden.

Oberbürgermeister Neher erzählte eine Geschichte davon, wie an einem Adventskranz eine Kerze nach der anderen erlischt. Jede Kerze steht für etwas anderes. Und als dann nur noch die letzte brennt, kommt ein Kind, und entzündet mit der letzten Kerze wieder die anderen. Vielleicht gab sie anderen Leuten Mut, dass es nicht vorbei ist, dass man auch im scheinbar verlorenen Posten immer noch was reissen kann. Mir persönlich stieß die Geschichte übel auf.

Zum einen hasse ich die Vorstellung, auf eine höhere Macht warten zu sollen. Es ist gut, Vertrauen haben zu können, zu wissen, dass da jemand ist. Aber es kann nicht im Sinne einer Mutter oder eines Vaters – und das ist ja das Bild von der Beziehung, die wir zu Gott haben -, dass das Kind ewig abhängig bleibt. Ja, die Beziehung bleibt, Gott mag da sein, aber ich glaube fest, dass er_sie nicht will, dass wir blind ihm_ihr folgen. Ich bin fest überzeugt, dass er_sie auch jene liebt, die nicht an ihn_sie glauben, die Atheisten und Agnostiker sind. Wenn das Kind alleine klar kommt, dann hat man alles richtig gemacht.

Zum anderen mag ich nicht das Implizierte dieser Geschichte. Dass der letzte Moment reicht. Dass wir die Welt noch retten können, wenn es schon kurz vor dem Schluss ist.

Wir sollten nicht ein Lichtchen anzünden und damit zufrieden sein, wir sollten brennen für eine gute Idee. Wir sollten gemeinsam stehen, das Feuer in uns selbst sollte uns und andere Wärmen. Wir brauchen kein Licht im Dunkeln, das uns den Weg leuchtet, wenn wir nicht alleine sind. Wenn wir gemeinsam den Weg gehen können.

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