Natürlich reimt sich Gesellschaft auf Selbsthass (1)

„Wie ist die Demo gewesen?“ frage ich. Selbst wäre ich ja krank gewesen – mit den Fingern forme ich eine große, rote Clownsnase – „völlig zu“, sage ich. „Kalt“, antwortet sie. Es sei auch nur eine Kundgebung, keine Demo gewesen, und man hätte halt gefroren.

Von meiner letzten Kundgebung erinnere ich mich mehr an komische Blicke, dumme Geschichten und das Wetter, als den eigentlich Inhalt. Wenn ich – inzwischen habe ich die Montagsdemo so oft versäumt, dass man wohl sagen kann, dass ich nicht mehr hingehe – dort war und redete, was ich vergangene Woche verpasst hatte, so gab es Erzählungen von guten Vorträgen, vom Wetter oder Begegnungen mit anderen. Aber nie habe ich von irgendjemandem gehört: „Unsere Demo war heute sehr erfolgreich.“

Das heißt, eigentlich stimmt das nicht. Als ich einmal auf einer Gegendemo zu einer Gegendemo gegen ‚den‘ Bildungsplan ging, da beseelte mich doch das Gefühl, etwas gutes getan zu haben. Ich hatte mit Leuten diskutiert, mir Argumente angehört und letztendlich mich offen gegen Homophobie und Genderhass gestellt. Und ich hatte es auch redlich versucht, anderen die Angst zu nehmen. Aber, so wie ich wohl in vielen Themen nicht mehr zugänglich bin, so folgten auch hier immer wieder die gleichen, entkräfteten Argumente.

Doch, hat diese Gegendemo zur Gegendemo etwas bewirkt? Ich glaube eher… nein. Jaja, „Eure Kinder werden so wie wir“, und mein Denken hat sich sicherlich auch verändert – in beide Richtungen -, aber ist jetzt etwas besser? Hat die Demo zur Demo etwas bewirkt? Außer Kosten für einen Polizeieinsatz? Außer netten Bildern und hübschen Plakaten? Nach diesem Tag trat ich in die Gewerkschaft ein. Wird das etwas ändern? Wird irgendetwas besser werden?

Gerade fühle ich mich, als ob ich jahrelang gegen Chemtrails demonstriert hätte und nie begreifen würde, dass das ziemlicher Bullshit ist. Plötzliches Realisieren: Alles umsonst. Alles sinnlos.

Während ich zuhause sitze und Wutanfälle hab‘ ändert sich die Welt auch nicht zum besseren. Auf der Demo bin ich aber wenigstens an der frischen Luft.

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