Unabgeschickte Montagsleserbriefe

Vergangene Woche* schrieb ich mehrere Leserbriefe – bezüglich eines Artikels über die Tübinger Montagsdemo gegen Hartz IV und Sozialabbau -, wovon ich einen absende (auf der folgenden Seite als „Leserbrief I“ bezeichnet), den ich jedoch nach einer Mail des Chefredakteurs zurückziehen musste. (*Das war Dezember 2014.)

Ein bisschen dazu hier. (Kurz: Vom 10. Dezember 2014 bis 22. Januar 2015 schwieg ich. Und konnte es dann nicht mehr lassen.)

Leserbrief I:
Jeden Montag seit zehn Jahren gehen Menschen auf die Straße, um gegen Sozialabbau zu protestieren. Die Autorin eines Artikels darüber zitiert an einer Stelle nur im Konjunktiv. [Anm: Gemeint ist: Durch indirekte Redewiedergabe wird eine größere Distanz geschaffen, als dies bei direkter Redewiedergabe vorhanden ist. Fachlich ist hier alles korrekt, jedoch deutet die Auswahl der indirekt wiedergegebenen Zitate möglicherweise auf eine Distanzierungsabsicht hin – können aber ebenso nicht so gemeint sein. Anm.-Ende.] Reallöhne „seien“ stark gesunken; Minijobs und Werksverträge „hätten“ zugenommen; Einkommensentwicklung „sei“ nach unten. Das klingt so, als stimmte das nicht. Ich würde mir von einer Zeitung erwarten, dass sie dies nachprüft. Nur: Hätte die Autorin diese Zusatzrecherche bezahlt bekommen? Ich vermute: Nein. Es hätte – falls es stimmt – ihrer beruflichen Laufbahn wohl eher geschadet. Wenn man kritisiert, dass es Menschen in unserem reichen Land schlecht geht, weil Vermögen ungleich verteilt ist, weil man für gute Arbeit schlechten Lohn bekommt, wenn man sich solidarisch zeigt mit jenen, die wenig haben – und man selbst ist nicht reich – dann macht man sich damit verdächtig.
Verdächtig, nicht mit Krümeln jetzt und vielleicht Kuchen irgendwann zufrieden zu sein. Man will ja dankbar sein, jaja, dass es einem nicht ganz so schlecht geht wie dem Nachbarn oder den Leuten anderswo. Eine Rapzeile als Lebensmotto: ’Unten treten, oben buckeln, sexy mit dem Arsch wackeln.‘
Ich finde das zynisch. Ich finde uns zynisch. Wir sind die Schweine, die Metzger gewählt haben, im Glauben, würden wir nur freundlich weitergrunzen, dann kämen nur die Nachbarn auf die Schlachtbank.
Dabei ist nichts alternativlos. Unsere Welt kann besser sein – und muss. Wir können besser sein – auch zueinander. Dafür braucht es Menschen, die uns jeden Montag daran erinnern. An dieser Stelle: Vielen Dank, liebe Montagsdemo.
Leserbrief II:
Gerne würde ich öfter die Tübingern Montagsdemo gegen Sozialabbau besuchen, es fehlt nur an Zeit. Mein Eindruck ist: Auch die Autorin des Berichts, der gestern im Tagblatt war, fehlte es an Zeit.

Ich vermute, sie steckt wie so Viele nach dem Studium in der misslichen Lage, noch auf dem Weg zu sein zu einer guten Stelle. Die vielen unbekannten Namen, die vielen neuen Kürzel, die mir seit einer Weile immer mehr im Tagblatt auffallen, könnten ein Hinweis sein, dass weniger Festanstellung ist und mehr Bezahlung-per-Zeile. Bei der Zeit, die eine gute Recherche benötigt, ist das vielleicht schon ein prekärer Job. Aber man macht es für den Lebenslauf oder weil man es liebt oder weil „besser als nichts“. So zwingt Hartz IV nicht nur Arbeitssuchende in eine fortwährende Demütigung hinein – durch Ämtern, Medien, durch Stammtisch und öffentliche Meinung -, sondern es ist auch das Damoklesschwert über jenen, die noch oder gerade erst „sich etwas aufbauen“. Dabei haben wir uns als Gesellschaft dazu entschieden, einen Teil von uns sehr schlecht zu behandeln, weil wir Angst haben, dass es uns sonst allen sehr schlecht geht. Solidarität scheint zu riskant. Ergebnis ist bspw. (vgl. Die Zeit, 13.Mai’14) eine Einkommensschere, die soweit auf steht, wie zuletzt unter dem Kaiser. Wir haben das gemacht. Kein „Alternativlos“, kein „Sachzwang“. Wir – oder unsere Vertreter – zwingen unsere Nachbarn in die Verarmung.

Bei der Gelegenheit: Was bezahlen Sie eigentlich ihren Mitarbeitern, Redakteuren, Journalisten, Fotografen und Austrägern?

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