Vom Formen der Revolutionsmasse

(Uralter Eintragsetwurf aus dem September 2014. Ungelesen veröffentlicht.)

Aus erschöpften, depressiven, vereinzelten Individuen lässt sich keine Revolutionsmasse formen. (Byung-Chul Han in der SZ. (link))

Die Arbeiterschaft macht keine Revolution mehr. Wissen wir. Ich halte demnach Gewerkschaften für keinen Ort mehr, in dem gesellschaftliche Wandlungen abseits von „3,4 Prozent mehr Lohn“ erkämpft werden können. Eine Solidarität in Betrieben ist – bei Globalisierungsangst und Millionenarbeitslosigkeit – leider nur noch Wunschdenken. Ich wünschte, das wäre anders, aber meinem Gefühl nach hat die Arbeiterschaft als „Revolutionsmasse“ ausgedient.

I’m mad as hell and I’m not gonna take it anymore.

Was früher die Rote Fahne war, ist heute die Regenbogenfarbene. Revolutionsmasse sind nicht die, welche von der Arbeit müde und entmutigt kommen, sondern jene, die mit dir in deinem Bett liegen und kuscheln. Es sind jene, welche schon wieder mehr für Hygieneprodukte zahlen müssen. Es sind jene, die systematisch unterdrückt werden aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Rasse oder sexueller Orientierung. Küssen hilft gegen’s traurig sein, sagt man. Knutschen für den Weltfrieden, warben Aufkleber in der Innenstadt. Inzwischen sind sie abgeknubbelt oder mit „Blowjobs für die Marslandung“ überschrieben. Aber die Botschaft bleibt.

Es gibt dabei keinen Aggressor, den es zu köpfen gilt. Es gibt keinen Unterdrücker, sondern nur Mechanismen, die zerschlagen werden sollten. Und es gibt Stellvertreter. Politiker, die offen homophob sind. Zeitungen, mit rückständigen Geschlechterbildern. Stammtische, die… Stammtische sind.

Frühere Revolutionen hatten Feinbilder. „Der Ami“, „Das Kapital“, sowas halt. Auch heute noch höre ich manchmal Leute davon reden. Manche, die sagen, man müsse nur das „Weltbankensystem“ zerschlagen, und dann, ja dann wird alles gut. Bullshit! Die Welt wird nicht besser, wenn wir uns nicht anstrengen, sie besser zu machen. Wenn wir nicht unsere Kinder besser erziehen, wenn wir nicht stärker argumentieren, mehr hinterfragen.

Die Welt wird besser, wenn wir sie alle zusammen besser machen. Und ich glaube, aktuell, dass das am Besten geht nicht über Familien oder Firmen oder dergleichen, sondern über Religion, Humanismus und Liebe. Wenn du dich selbst magst, und vielleicht noch einen anderen Menschen ganz knorke findest, dann gibt es schon mindestens zwei Gründe, diese unsere Welt noch besser zu machen. Wenn du Kinder hast, dann wäre es schade, wenn sie es nur so gut hätten, wie du es hattest. Es soll ihnen besser gehen – und durch die Erziehung, durch Schulen und unsere Beziehung zu ihnen können wir beeinflussen, was „besser gehen“ bedeutet. Ich fände – statt Autos und viel Geld – Freundschaften, „Sinn“ und Akzeptanz eine ganz schöne Idee.

Vielleicht reicht es auch schon, wenn wir uns diese Dinge nicht mehr wegnehmen lassen (oder es nicht mehr unseren Kindern nehmen) von Leuten, die uns Angst machen und einreden, wie alternativlos alles sei. Wenn du deiner Tochter nicht sagst, dass sie alles werden kann, wie soll sie dann jeweils auf die Idee kommen, dass es anders sein könnte?

Wir wollen unsere Welt, die wir als Geschenk bekamen und als Geschenk weitergeben wollen, wir wollen uns als Teil dieser Welt, (mit)gestalten.

Es geht halt nicht um ein Stück vom Kuchen, sondern um die Bäckerei.

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