Pornos sind Sex-lets plays. Bildungsromane Erwachsenwerd-lets plays.

Die Zeit ist gekommen, eines meiner zahlreichen peinlichen Geheimnisse zu lüften. Ich schaue mir ab und an sogenannte „Let’s play“’s an. Für die Generation, die sich teilweise von der SPD verraten fühlte – also alle vor 1995 geborenen, für die das noch Sozialdemokraten waren -, muss ich das kurz erklären: Leute filmen sich, wie sie ein – i.d.R. – Computerspiel spielen und kommentieren das – i.d.R. -, oft auch recht unterhaltsam. Ich höre bis hier – also durch Raum- und Zeit hindurch – wie Du dich wunderst: Warum sollte man sich so etwas anschauen?

Zum einen: Computerspiele sind heutzutage oft unheimlich komplex, spannend und inhaltsreich. Viele Computerspiele erzählen unterhaltsamere, aufregendere, glaubhaftere Geschichten als es die Mehrheit der Romane, Fernsehserien oder Filme schafft. Ich werde jetzt nicht „das nächste große Ding“ ausrufen, aber die Sache ist die: Eine gute Geschichte erzählt man heute nicht mehr nur durch erzählen. Viele gute Geschichten werden durch die Aufbereitung als Computerspiele erlebbar.

Nun habe ich wie die meisten jungen Menschen nicht das Geld, um mir alle mich interessierenden Spiele zu kaufen, die ich gerne einmal durchspielen würde, und die gefühlt 150 unterschiedlichen Konsolen, Betriebssysteme und Controller, daher kann es gut sein, dass ich mir ein Spiel auch nur im Let’s Play ansehe.

Hinzu kommt, und da beginnt mein Literaturwissenschaftler Herz wie wild zu pochen, dass wir in Let’s Plays „Leser“ erleben können, sehen können, wie diese einen „Text“ erfahren, aufnehmen, begleiten, kontextuieren, usw. usf.

Dass eine bestimmte Erfahrung – hier eben das Spielen eines Spiels – festgehalten wird und wohl oft auch Fiktionalisierungsmechanismen unterworfen ist (bspw. dem Schneiden/Kürzen der Videos), ist an sich keine neue Kulturtechnik. So könnte man auch Tagebücher als Erinnerungs-Lets-Plays, Pornografische Filme als Sex-Lets-Plays oder der berühmt-berüchtigte Bildungsroman als Erwachsenwerd-Lets-Plays begreifen. Dass dort natürlich unterschiedliche Fiktionalisierung betrieben wurde, ist ebenso klar, wie dass unterschiedliche YouTuber (Leute, die auf der Videoplattform YouTube aktiv sind) sehr unterschiedliche Lets Plays produzieren.

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2 Antworten auf „Pornos sind Sex-lets plays. Bildungsromane Erwachsenwerd-lets plays.“

  1. Nur für das Protokoll:
    1. Ich bin nicht teilweise, sondern total von der SPD enttäuscht.
    2. Ich kenne solche Videos. Also, ich hab mal davon gelesen – in der Zeitung.

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