Ablasshandel (127)

Folgender Leserbrief landete im Tagblatt.

Wie so viele werde auch ich im Närrischen Getümmel das ein oder andere Bier trinken. Es gehört zwar nicht dazu, aber wie die Toten Hosen sangen „Kein Alkohol ist auch keine Lösung.“

Dennoch bleibt ein komischer Nachgeschmack, gerade weil Alkohol „enthemmt“. Ich beschrieb schon mehrfach die sexualisierte Gewalt in der schönsten Jahreszeit, das als „normal“ abgetane übergriffige Verhalten (also bspw. Begrabschen, Belästigen, ignorieren von „Nein“, usw.) und wie wichtig es ist, dass wir uns dagegen gemeinsam wehren. Eingreifen, aufeinander aufpassen, dafür sorgen, dass sich alle sicher fühlen können. Dass Alkohol möglicherweise zu Ausgrenzungen und Übergriffen beiträgt, daran musste ich beim Anstehen an der Kasse denken. Als ich die Bierdosen aufs Kassenband legte fasste ich einen Beschluss:
Egal wie viel ich in der närrischen Zeit trinken würde, den gleichen Betrag werde ich spenden. An einen Verein, der aufklärt oder zumindest einen Ort bietet, bei dem man mit Menschen reden kann. (Vorschläge willkommen)

Natürlich ist das irgendwo nur ein billiger Ablasshandel und „Gutmenschentümelei“ und es wird auch bei mir als Student nicht allzuviel zusammen kommen. Dabei beseitigt es nicht einmal das komische Gefühl. Aber es ist zumindest ein kleiner Schritt. Vielleicht mag sich ja jemand*e anschließen.

Nun trank ich nicht viel. Praktisch gar nichts. Selbst wenn ich meine Freunde eingeladen hätte und den verteilten Schnaps auch mir anrechnen würde, wären es gerade einmal 44,50 Euro. Das ist natürlich viel für mich, aber für einen Verein lächerlich. Zumal ich immer noch nicht entschieden habe, wer das Geld nun bekommen soll.

Es kamen nämlich genau gar keine Vorschläge. Erste Adresse müsste eigentlich Frauen helfen Frauen e.V. sein, die ein Hilfetelefon anbieten, oder das BAF, Courage, … Aber alle genannten Organisationen hinterlassen bei mir ein ‚Geschmäckle‘. Nichts führt an der Selbstbefreiung der Frau vorbei, natürlich, aber zugleich habe ich – weil ich mich als Mann identifiziere – das ungute Gefühl, dass es den „Feminismuskritikern“ (wie MANNdat) zu leicht gemacht wird, wenn man nicht schreibt, wofür man auch abstrakt kämpft. Natürlich ist Feminismus oder Befreiung der Frau kein Bus, bei dem alle mitgenommen werden müssen. Und BAF & Co. haben – beispielsweise durch die Bereitstellung ihrer Räume für die Queere Hochschulgruppe – ausreichend bewiesen, dass es hier um ein Ende von jeder Form der Unterdrückung geht. Auch für Menschen, die sich nicht als Frauen identifizieren. Dass hier differenziert betrachtet wird und kein Geschlechterkampf zwischen Frauen und Männer konstruiert wird, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe angegangen. Die Betroffenen ernst nehmen und nicht stehen bleiben bei einer vereinfachenden, diese Rollen aber auch manifestierenden, Täter-Opfer-Festlegung.

Menschen sollten ernst genommen und so angenommen werden, und ich habe das Gefühl, dass ich und nicht wenige andere Menschen von diesem Frauenverbänden – aus verschiedenen Gründen – nicht angenommen werden. Sei es aus politischen Gründen, Kalkül oder schlicht Unkenntnis anderer Lagen. Dieser Eindruck widerspricht meinem persönlichen Kontakt zu Menschen, die in diesen Vereinen aktiv sind, aber… das Gefühl reicht aus, als dass ich mich eine Spende nicht traue.

Daher bekommt die Aidshilfe Tübingen-Reutlingen mein Geld. Natürlich gibt es dort auch viel zu kritisieren, aber ich habe zumindest das Gefühl, dass dort Frauen und Männer, die nicht dem „üblichen“ Geschlechterbildern und Sexualitäten entsprechen, nicht ausgeblendet, sondern, so wie sie sind, angenommen werden.
Dabei propagiert die Aidshilfe eigentlich nur den Kleinsten Gemeinsamen Nenner, auf den wir uns als Menschen unter Menschen beim Sexualkontakten geeinigt haben oder einigen sollten: Bei Verstand, Sicher und Einvernehmlich.

40 Euro werden also an die Aidshilfe gehen.

update. Laut Tagblatt planen Frauen helfen Frauen e.V. und PfunzKerle e. V. eine gemeinsame Beratungsstelle für Opfer sexualisierter Gewalt. Dies war mir zum Zeitpunkt der Spende noch nicht bewusst, sonst hätte ich für diese Projekt gespendet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.