Durch die Brille des Spiegels

Eine Zeit lang war ich mit jemand zusammen. Sie – es war eine junge Frau – war großartig. Wir verbrachten Zeit miteinander, steckten in einer Kiste, die wir Beziehung nannten – ja, ich nannte sie sogar ganz besitzergreifend „meine Freundin“, so wie sie auch mich „meinen“, teilweise sogar „festen Freund“ nannte -, und irgendwie hielt es ein ganzes Jahr lang, bis ich es nicht mehr konnte. Ich fühlte mich, als würde ich ihr etwas vorlügen und ich konnte manches, was zu einer Beziehung wohl dazugehört, nicht machen. Und weil ich glaubte, sie würde sich das nicht trauen, machte ich mit ihr Schluss. Es war eine qualvolle, langsame Trennung. Wir hatten nichts gemeinsames, außer „uns“, aber schon das aufzuteilen wollte mir nicht gelingen. Noch immer fühlt es sich an, als hätte ich eine Kiste meines Ichs bei ihr gelassen. Für immer verloren.

Ich bin ihr nicht böse. Sie ist die Verlassene in dieser Geschichte, die noch alles retten wollte. Und ich bin das Ungeheuer, welches alles zerstört. Ich bin der Täter. Der Bösewicht. Ich bin am Zerbrechen schuld. Ob ich dennoch leiden darf?

Sie war schon immer nahe am Wasser gebaut, wie die Leute zusagen pflegen, und aus irgendeinem Grund fing sie die ersten Monate, nachdem wir uns – denn ich verließ sie, und ein paar Tage später sie mich (und meine Familie) – getrennt hatten an zu weinen, sobald sie mich sah. Ich konnte sie nicht trösten. Es war ja aus. Ich konnte nicht einmal mit ihr sprechen. ‚Lass uns Freunde bleiben‘, bla, blah. Ich war nicht dazu bereit und als sie anfing, einem Freund von mir zu daten, war es komisch. Ich konnte das damals nicht zugeben. Ich hätte auch nie etwas sagen können, dass es mich störte. Denn, das tat es nie. Es verwirrte mich nur, denn nun war ein Kumpel, mit dem ich stets auch über seine Frauengeschichten gescherzt hatte (hatte ich das wirklich?), plötzlich mit jemand – fest – zusammen, die immer noch irgendwo eine meiner Kisten hatte. Die mich unvollständig gelassen hat – oder vielleicht habe ich es auch einfach nie geschafft, den Rest meines Ichs anzunehmen. Es abzuholen. Die Kiste. Fein säuberlich von ihr verpackt. Vielleicht mag auf ihrem Deckel schon Staub liegen, aber was darin sein würde – Teile von mir, an die ich mich kaum noch erinnern kann – wären noch so, wie ich sie ihr damals geschenkt hatte. Mein Herz? Wohl eher nicht. Ich bezweifle ernstlich, dass ich das jemals besaß.

Nun ist mein guter Freund und die junge Frau, inzwischen Karriere machend, schon weit länger zusammen, als ich sie kannte. Drei, vielleicht vier Jahre. Sie wirkt wieder glücklich, irgendwie. Doch in ihren Gesichtern spiegeln sich meine Bruchstücke. Sollte ich je ganz gewesen sein, so kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Meine Hässlichkeit spiegelt sich in ihrem Gesichtern wider und macht sie – in meinen Augen – ebenso hässlich. Wie strahlte sie noch, damals, und wie sehr fürchte ich mich vor ihrem Blick heute. Vor dem Spiegel. Davor, zu wissen, dass sie ein neues, besseres „uns“ aufbaute – sie und er zusammen. Und ich? Ich bin eigentlich auch immer noch der Selbe; Steh auf Standby, glotz in meinem Zimmer an die Wände… Seit ihr gab es niemand mehr ‚beziehungstechnisch‘ in meinem Leben. Nicht mal einen verdammten Kuss. Nur gestreichelte Bärte, sehr schöne Umarmungen und gute Gespräche. Aber niemand_e, mit der ich den Schritt zu gehen bereit gewesen wäre. Mir fehlt es an Mut zur Blamage – und vielleicht auch Gelassenheit. Alles Schöne vergänglich, doch nicht alles Vergangene schön.

Wie sie so da stand, mit ihrem Partner, dem – meiner Meinung nach – Richtigen, und wie sich meine Hässlichkeit auf sie projizierte. Als ich sie liebte war sie die Schönste, und nun blickt mich aus ihre Augen ein Spiegel an. Die Erinnerung daran, wie wertlos ich bin. Jedenfalls war sie dort, und er war es auch. Und wie wir zum ersten mal seit damals eine Unterhaltung schafften, die peinlich und stockend war, aber zumindest ein Anfang, da wurde mir bewusst, wie gut diese Welt gerade zu mir ist.

Es gibt mehrere Menschen, die ich mag. Und ich brauche mindestens eine Hand, um jene zu zählen, die zumindest den Eindruck vermitteln, dass sie mich auch mögen. (Möglicherweise heißt das, dass ich sehr schlecht in Mathematischem bin, wenn ich im Zahlenraum bis Fünf mit den Händen zähle.)
Ich fühle mich unvollständig und oft alleine, ja, aber längst nicht mehr so, wie ich das schon tat. Immerhin gehe ich ab und an schlafen mit ’nem Lächeln. Und ich liebe die Freundschaften, als deren Teil ich mich gerade sehen will. Manchmal können wir uns auch ein paar Dinge anvertrauen, und manchmal umarme ich auch Menschen – und sie mich. Ich bin also längst nicht so alleine, wie ich mich fühlte.

Und darüber hinaus ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis jemand einen Karton mit 17 jungen Kätzchen vor unsere Tür abstellt. Ich spüre, tief dort, wo mein Herz sitzen sollte, dass sie kommen werden. Und dass es besser wird.

Vielleicht freue ich mich wirklich für die beiden. Immerhin hat sie den Partner bekommen, denn sie verdient hat (er ist ein Guter). Und er – denke ich – liebt sie so aufrichtig, ehrlich und vollständig, wie ich es nie hätte tun können. Vielleicht wird mich auch noch jemand_e finden. Oder ich finde jemand_e. Oder die Katzen. Ich glaube immer noch, dass damit die meisten Probleme gelöst und nur unwesentliche geschaffen. Jedenfalls habe ich zum ersten Mal seit damals das Gefühl, dass es wirklich besser werden könnte. An dieser Front zumindest. Es wird besser werden.

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