Das Kontigent ist ausgeschöpft.

Anfang Februar schrieb ich in diesem Blog, halb im Scherz, halb ernst, dass ich das Kontingent der 15 Leserbriefe im Tagblatt schon im Februar ausgeschöpft haben würde. Nun. Das klappte nicht. „Erst“ am 7. März 2015 erschien mein 15. Leserbrief. Vorausgegangen war ein angenehmer Mailkontakt mit dem Archiv und freundliche Post (so richtig im Umschlag und auf Papier!), dass ich nun ja meinen 13. Leserbrief veröffentlicht habe und nur noch zwei dürfe. Interne Redaktionsregel usw. Ich war zufrieden. Einige Leute hatten mich auf Leserbriefe angesprochen. Einige hatten mich deshalb beschimpft. Wenige gelobt (sehr irritierend). Die Mehrheit ignorierte das. Leute, die mich kennen (hauptsächlich Familie), erzählten, wie sie auf meine Leserbriefe angesprochen würden. Eine Frau beispielsweise erzählte wohl, sie würde die Briefe immer lesen, aber oft nicht alles verstehen. Da sei sie wohl nicht schlau genug. (Falsch, dann habe ich nicht verständlich genug geschrieben). Oft kam auch der Vorwurf, ich hätte zuviel Zeit (Nope).

Übrigens ging es hier um Veröffentlichungen. Eingesendet hatte ich sage und schreibe 21 Leserbriefe. Die von mir geschriebenen Entwürfe kann ich nicht zählen. Die angriffslustigsten wurden – glücklicherweise? – nicht abgedruckt (erschienen und erscheinen aber teilweise in diesem Blog). Die seichteren manchmal durch eine Überschrift in anderen Kontext gestellt (was okay ist). Einer landete versehentlich online (wurde aber prompt entfernt, nachdem ich darum bat). Einer verschwand im Nirwana, weil der Server crashte und ich keine Sicherung erstellt hatte. Sehr oft wendete ich mich an die Lesenden, in der Hoffnung, eine Reaktion zu erzeugen. Schrieb „Du“ und eine eher einfache Sprache – zumindest versuchte ich das. Eine Antwort – in Leserbriefform zumindest – erhielt ich zunächst keine. Einige Tage nach meinem letzten Leserbrief nahmen Leute Bezug darauf. Ich wurde – versehentlich – als Schüler bezeichnet in einem Leserbrief über … irgendwas mit Beef mit der hiesigen CDU-MdB (ich erinnere mich daran, möchte hier aber nicht mich zu etwas äußern, dass ich nur am Rande mitbekommen habe) … und man führte eine meiner Andeutungen zu TTIP verständlicher aus. (Yay.) Mehr war da nicht. Mehr wollte ich aber auch nie. Ich wollte ja so klein sein, so unbedeutend, dass man sich denken konnte: Das kann ich auch. Da mache ich jetzt mit. Ob das klappte?

***

Eingereicht am 05.03.15,
veröffentlicht am 07.03.15

Irgendwie lande ich doch immer wieder bei dem, was Widmann-Mauz sagte. Leserbriefe schreiben, Demos gehen, jaja.

Der Versuch etwas zu verändern, verändert am Ende auch Dich. Mich deprimiert schon der kurze Ausflug in die Leserbriefwelt – als Schreibender, Mitlesen tue ich schon lange -, ganz zu schweigen von den Demonstrationen, die irgendwie wichtig und doch so unbedeutend sind. Die mich bewegen, aber halt sonst nichts. Die, deren größter Erfolg ein nettes Wort eines Unbeteiligten ist, oder dass die ‚gegnerische‘ Seite – Nazis, Verschwörungstheoretiker, Menschenfeinde… – bei der Ausübung ihres Demonstrationsrecht gestört wurden. Motto: Wenn wir schon nicht gewinnen können, dann trampeln wir wenigstens ihren Rasen platt.
Nützt doch nichts. Ich könnte auch 100 Leserbriefe schreiben (dies dürfte der Letzte sein.), jeden Tag demonstrieren, und es würde sich nichts ändern. Solange zumindest nicht, bis Du, der das hier liest, mitmachst. Eine Veränderung in dir selbst zulässt. Zwei Gedanken auf etwas verwendest, statt nur den einen. Vielleicht selbst mal einen Leserbrief schreibst, oder zu einer Demo gehst (Montags 18 Uhr in Tübingen z.B.). Musst du aber natürlich nicht. Es reicht schon, wenn du dich – ab und zu – fragst: Warum? Warum mache ich das hier? Warum vertrete ich diese Meinung? Warum rede ich mit diesen Leuten? Warum lese ich das hier? Und vielleicht auch: Wie fühlt sich ein Anderer gerade? Und: Ist das für mich in Ordnung?

***

Mehr noch als eine Spalte im Lokalteil der Zeitung füllten die Leserbriefe aber dieses Blog. Der Beef, ein Begriff aus dem HipHop für eine oft aggressive, in der Regel aber nur verbale Auseinandersetzung zwischen zwei Rappern, die offen über Medien und z.B. Musikveröffentlichungen ausgetragen wird. Ich legte mich hier mit der Welt an, in jedem Text ein bisschen, und das war in weiten Teilen nur Marketing für die Themen, die mich bewegten, und weniger echte, vernünftige Diskursteilnahme. Ob ich eine Meinung wirklich vertrete, oder nur dem Flow folgte und angemessene Reime suchte, blieb dabei offen.

Die Themen waren vielfältig. Zweimal sprach ich TTIP an, dreimal ging es um Vergewaltigungsverherrlichung (50 Shades) und Zoophilie. Zweimal Protestkultur im allgemeinen, jeweils dreimal um die Fasnet an sich und in Verbindung mit Selbstbestimmung über den eigenen Körper (Frauenfasnet, Rape culture, Alkoholisiert heißt nein, usw.), zweimal – irritierenderweise – um Verschlüsselung und Internet, zweimal um unseren Umgang mit Arbeitslosigkeit und jeweils einmal Schüler-Mutmachen; Burka-CDU-Bashing; Beef mit jemand, der Müll und Menschen in unserer Stadt verglich; die ach so hässliche Stadtbibliothek; Terror-Wahlkampf der CDU und Beef mit jemand, der sich für keine skandinavische Sprache entscheiden konnte. Welche davon veröffentlicht wurden kann ich ehrlich gesagt nicht mehr sagen. Die Zeitungen liegen hier zwar noch, aber in welcher etwas von mir steht weiß ich nicht. Und es ist auch völlig egal. Niemand interessiert sich für die Zeitung von gestern (sehr wohl aber für die von vor 30 Jahren. 2045, ich komme!).

Wird mir dieser „Ausflug“ schaden? Also, mehr als die Artikel, die mich als Technikunfähig darstellen? Mehr als dieses Blog? Mehr als das, was ich schrieb, als ich 15 war? Fällt dies einmal auf mich zurück? Das wird die Zeit zeigen.

„Und was machst du jetzt?“ fragt mich ein leeres Glas Orangensaft. „Ich lese morgens weiterhin Zeitung. Schreibe ab und an Blogeinträge. Schreibe Briefe an Menschen, die ich mag. So Zeug halt.“ Und es ist trotzdem komisch, jetzt nichts mehr in deren Textfeld zu schreiben, sondern nur noch in meines.

Aber ich hätte ja eh nichts zu sagen.

(Anm. Eventuell wird hier weiterhin unabgeschickter Leserbrief-Beef veröffentlicht. Die Form bleibt also diesem Blog erhalten.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.