Treffen vorm Treffen.

[Es folgt eine völlig frei erfundene Geschichte, die sich mit Sicherheit nicht letzte Woche ereignet hat. Ganz ganz sicher.]

Rolletreppe rauf, Einkäufe in den Wagen werfen, plaudern mit dem Lieblingsmitbewohner, zwölfmal hin und her im selben Laden rennen, Rolltreppe runter. Ich bin ein riesiger, 105-Kilogram-schwerer, watschelnder Pinguin. Super-Awkward-Modus aktiviert. Oh fuck fuck fuck! Ist das…? Ist sie*r das? Diese Haare, gerade am Schokoladenregal suchend? Ich kenne seinen*ihren Rücken nicht, aber … fuck, ist sie*r das? Ich nuschele irgendeine halbgare Erklärung in die Himmelsrichtung meines Mitbewohners und verschwinde mit Einkaufswagen und einem Herz, das bis zum Hals schlägt, in der Spirituosenabteilung.

Ja, ganz ruhig. Du hast nichts peinliches gekauft. Außer das. Und hier. You wouldn’t like me if you met me… shopping. Fuck. Ich betrachte, um mich zu beruhigen, die Spirituosen. Logische Ordnung, schöne Regale, oh, Tequila im Angebot. Gekauft. Noch so ein Produkt im Einkaufswagen.

Ich schiebe mein Stahlschlachtross durch die alkoholgefüllten Gänge. Sie*r wird doch nicht…? Ich kann doch nicht…? Ich werde schon bei unserem „Date“ so unglaublich awkward sein, jetzt völlig unvorbereitet auf sie*ihn zu treffen… nein, das… Mein Herz schlägt mich erstmal K.O. Bäm. 3, 2, 1, Mein Kopf setzt aus. Wir haben einen Sieger! Ich klammere mich an den Einkaufswagen und laufe langsam weiter. An einer Kreuzung zwischen Saft, Süßigkeiten und süßen Wein begegne ich meinen Mitbewohner. Er ist sauer, weil ich einfach verschwand ohne ein Wort. Ich äußere irgendwelche unzusammenhängende Erklärungsworte. Aber ich kann ihm nicht erzählen, was eigentlich ist. Ich selbst bin schon völlig aufgeregt wegen des – *schnauf* – „Date“, da ertrage ich es nicht, wenn er davon wüsste, mich danach fragen könnte, seine Meinung äußern oder… nein… Ich komme kaum mit meiner eigenen Nervosität klar. Da kann ich mit anderen Gedanken dazu schlicht nicht umgehen. Too much. Notabschaltung. Erstmal möglichst keine Informationen weitergeben. Datensparsamkeit, und so.

Noch eine Runde hier, ein bisschen zu langsam dies einladen, brauchen wir nicht noch?, ein bisschen unsinniges in den Einkaufswagen wuchten, Fragen nach irgendwas. Vielleicht begegne ich ihr*ihm doch nicht. Noch länger kann ich nicht aufhalten, ohne dass er etwas merkt. Vielleicht hat si*er mich nicht gesehen. Noch schlimmer, als gesehen werden, ist ja nur, dabei gesehen zu werden, wie man versucht nicht gesehen zu werden. Meine Pinguinflossen schlagen laut platschend auf den Fliesenboden der Kaufhalle. Wenn sie*r mich gesehen hat? Was ist dann? Ich müsste Einsiedler werden. Wir nähern uns der Kasse. Ich vorsichtig, ängstlich; er genervt vom Einkauf – und mir.

Und dann steht da, an der anderen Kasse, eine Frau, die ich noch nie sah. Außer ihrer Haarfarbe keine Ähnlichkeit zu dem Menschen, dem ich versprach, mich bei einem gemeinsamen Treffen ausnahmsweise wie ein vernünftiger Mensch zu verhalten. Herrje. Meine Pinguinflügel verwandeln sich langsam zurück in wenig nützlichere Patsche-Händchen. Ich lege – erleichtert und irritiert über mein völlig irrationales Verhalten – die Waren auf das Band.

Sie*r war das nicht. Puh.

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