Halt mich fest

Mein Herz schlägt ganz schnell. Sie_r sitzt weit weg. Viel zu weit weg. Wir reden und ich habe das Gefühl, dass die ganze Welt sich zwischen uns drängt. Wie unhöfliche Menschen in Warteschlagen drückt die Welt vorbei und ich kann sie_ihn kaum noch sehen. Doch ich will nicht mehr warten. Also riskiere ich es. Bitte sie_ihn, näher zu kommen. Sie_r setzt sich zu mir aufs Bett. Studentenheim, Baustelle hier, Standardmöbel dort. Es knarzt. Wir sprechen und mit jedem Wort möchte ich sie_ihn näher zu mir heran ziehen. Möchte sie_ihn festhalten, so fest, dass sie_r mich auch festhält. Mein ganzer Körper kribbelt und ich frage. Formuliere, was ich mir jetzt gerade wünsche, und dass es aber ihm_ihr überlassen ist. Wir halten uns fest. Willst du das? Ist das wirklich ok? Darf ich? Manche Worte flüstere ich. Manche sie_r. Wie aus versehen berühre ich eine intime Stelle, und frage dann doch um Erlaubnis. Irgendetwas erregt mich. Sie_r erregt mich. Seine_ihre Worte lassen meinem Kopf explodieren vor Gedanken. Ich verliere das Gefühl für Zeit und Abläufe. Alles verschwimmt zu einem Gefühl. Ich streiche über die Kleidung des mir so fremden, und doch plötzlich ganz vertrauen Körpers. Hier bin ich Mensch, hier will ich sein. Dieser Ort. Dieser Moment. Bitte, halte die Welt an. Halt mich fest. Ich lege meine Arme um seinen_ihren kalten Körper. Sie_r spielt mit meinen Händen. Legt seine_ihre in meine. Sagt, wie groß sie seien. Ich unterdrücke einen machohaften Spruch.

Wie meine Arme um seinen_ihren Körper liegen und wir auf eine so vielsagende Weise schweigen, zweifele ich für einen Moment. Habe ich eine Grenze übersprungen, die ich nicht hätte gehen dürfen? War dies wirklich in Ordnung? Er_sie stimmte zu, ja, aber war diese Zustimmung nicht vielleicht unter Zwang und damit nichtig? Weil er_sie wollte, dass ich bleibe, und mein Bleiben scheinbar an Kuscheln gebunden war? Nein, diesen Gedanken will ich nicht haben. Nicht jetzt. Ich werde ihr_ihm weh tun, angst-realisiere ich plötzlich. Irgendwann wird er_sie mir weh tun, und ich werde ihr_ihm auch weh tun. Irgendwann. Eine tiefe Furcht erfüllt mich und ich fühle mich unendlich schuldig eines Verbrechens, das ich noch nicht einmal erdacht habe. Sie_ihn hier in den Armen zu halten, diesen Punkt in der Zeit zu haben, gemeinsam, und selbst gehalten zu werden, das ist unendlich schön, beruhige ich mich. Selbst wenn ich ihr_ihm weh tun würde, und selbst wenn der Zeitpunkt gekommen ist, dass er_sie mich schmerzt, dann ist das doch ein geringer Preis für diesen Moment. Eine Flut der Wärme vertreibt meine Zweifel.

Wir reden über das Konzept von Mode. Ich genieße jedes einzelne Wort, dass er_sie sagt. Völlig neue Gedanken. Andere Interessen, ein anderer Kontext. Seine_ihre Intelligenz zieht mich an. Nicht, dass ich dumm wäre, oder hässlich. Aber er_sie strahlt und singt in meinen Augen und Ohren. Ich will, dass dieser Moment nicht endet, und zugleich will ich weitere Schritte mit ihm_ihr gehen. Sie_ihn kennenlernen, jede Gehirnwindung und jeden Gedanken, jedes Muttermal und jede Narbe, die er_sie bereit ist mir zu zeigen. Und ich will ihm_ihr all meine Fehler offenbaren und all meine schönen Seiten.

Vielleicht war ich in diesem kleinen Moment doch dumm. Aber es war ein schönes Dumm.

Und zugleich ist alles so… ungewohnt und aufregend und angsteinflösend und awkward. Und ich will keinen Augenblick mehr ohne dieses Gefühl.

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