Homophobe Vollidioten gehen bitte nach Hause jetzt (1)

Da steht sie nun. Die Kelle. Sie sagt, sie sei für Vielfalt, vor allem für Meinungsvielfalt. Und dass es eine Schande wäre, wenn man „Eltern die für ihr Recht kämpfen ihre Kinder nach ihren eigenen Wertvorstellungen noch großziehen zu dürfen“ in Stuttgart mit Polizei schützen müsse. Mein Eindruck, nachdem ich mir viel zu viel der Berichte und Videos dieses Demosamstags vor zwei Wochen (21.03.) ansah, viel zu viele Kommentare las und mich viel zu ernsthaft mit allen „Argumente“ auseinanderzusetzen versuchte, die von allen Seiten kamen, dass hier nicht diese Eltern geschützt werden sollen. Wenn die Polizei diese „Demo für alle“ – bei der wohl nicht alle willkommen sind – umstellt, dann habe ich das Gefühl, dass sie eher den Rest der Gesellschaft zu schützen versuchen. Den Infektionsherd einer unsere Gemeinschaft zerstörenden Idee einkesseln, damit er nicht auch den Rest der Menschen befällt. Aber, vielleicht irre ich mich auch. Vielleicht muss die Mehrheit vor diesen omnipräsenten, aggressiven und intoleranten LSBTTIQ-Leuten geschützt werden, die jeden Tag 10 der 15 Minuten Tagesschau mit ihrer Propaganda füllen, jeden Sonntag Liveübertragungen ihrer
‚ideologischen‘ Veranstaltungen in den öffentlich-rechtlichen haben, die massiv von Steuergeldern finanziert werden, usw. usf. Ja, man muss wirklich Angst vor diesen Leuten haben, so als unterdrückte Mehrheit. … Oh, das war sarkastisch. Verzeihung.

Leider konnte ich selbst nicht dabei sein. Alvar Freude hat über zwei Stunden lang Menschen auf der „Demo für alle“ interviewt und das ganze ungekürzt auf YouTube gestellt. Wenn Birgit Kelle fordert „Hier sind wir, liebe Landesregierung, wir wollen uns beteiligen“, dann bekommt das schon ein Geschmäckle, weil Alvar an so vielen Menschen vorbei geht, die kein Wort zu ihm sagen wollen. Ist das die Schweigende Mehrheit? Die Menschen, die doch etwas sagen, scheinen allerhand Gruselgeschichten zu glauben. Dass im Kindergarten Pornos gezeigt werden und in der Schule der Umgang mit Dildos geübt würde. Das mein Kind umerzogen wird. An etwas glauben muss, weil die Landesregierung das so will. ‚Nein‘, erregen sich da diese Eltern, die ihre teils noch kleinen Kinder auf eine Demonstration mit Polizeischutz nehmen und mehrere Stunden lang im Kessel stehen lassen, ‚was mein Kind denkt oder ist entscheide immer noch ich!‘ [Kein wörtliches Zitat].

Dabei übernimmt die Schule einen Teil der Erziehungsverantwortung. Wir als Gesellschaft haben uns auf Dinge geeinigt, die wir wollen. Umweltschutz, Mathematik, Physik, Chemie, Deutsch, Fremdsprachen, Sport, dass niemand ausgeschlossen oder leid erfahren muss, dass es besser wird. Zu glauben, dass man Physik völlig durchdringen kann, ohne mal im Sport einen Ball geworfen zu haben, oder dass man Mathematik verstehen kann, ohne die Textaufgaben – Deutsch? – zu verstehen, das erschließt sich mir nicht. Es gibt mehr als einen Lehrervortrag. Junge Menschen sollen die Welt und sich (darin) entdecken und verstehen lernen. Sollen ihre Macht erkennen, wie sie sich und die Welt verändern können. Sowohl zum Guten wie zum Schlechten. Kindern beizubringen, dass jede_r einen Körper hat, und dass man Respekt haben sollte vor anderen.

Wer darin den Untergang des Abendlandes sieht – oder sein Kind unverhältnismäßig aus der elterlichen Verantwortung gestohlen fühlt -, der_die … stört sich vielleicht auch an der Vermittlung von Mathematik oder wünscht sich, dass wie in Teilen der USA Sexualkundeuntericht nur noch aus „Bleibt enthaltsam!!“ besteht. Das mag ein Interesse sein – vielleicht auch eines, das „auf die Straße“ getragen werden kann -, aber es erscheint mir nicht wie eines, welches im Diskurs vorkommen kann. Weil durch Ausschluss des Wahnsinns und den Willen zur Wahrheit (Focault) ‚Argumente‘ wie ‚Homosexualität ist eine Erfindung des Teufels um uns vom rechten Pfad abzubringen‘ … nun… innerhalb eines säkularisierten Staates nicht ernst genommen werden müssen können. Menschen, die das Handeln ihrer Mitmenschen für das Werk von ‚Dämonen‘ halten, und deren Anführer_innen sich beschweren, nicht gehört zu werden… uff… Ihr macht mich hoffnungsvoll frustriert.

Ja, die Kritik der Bildungsplangegner_innen, so unsinnig mir vieles davon erscheinen mag, muss geäußert werden dürfen. Vielleicht muss sie sogar gehört werden, damit wir in unseren Cafés und unter den kuscheligen Decken merken, wie menschenfeindlich diese Welt da draußen noch ist – und wie aktiv manche daran arbeiten, sie noch Menschenfeindlicher zu machen. Aber gehört werden heißt nicht, dass man diesen Vorschlägen folgen muss. Die Kritik wird gehört. Der Bildungsplan, wie er diskutiert wurde, wird nicht so kommen. Das „aber“ hinter „Wir sind für Toleranz“ wurde erfolgreich verteidigt. Danke schön, „Demo f’alle“.

Für Betroffene, jene die verfolgt wurden und teilweise immer noch werden, für jene, die sich selbst nicht annehmen können wie sie sind, weil ihre Umgebung sie nicht annehmen kann, wie sie sind; für all jene, die jeden Tag mit Rassismus, Homo- und Transphobie zu kämpfen haben; jene, die den Kampf aufgeben und sich lieber das Leben nehmen… für all diese – und auch für mich, der ich zugleich von Dutzenden Privilegien profitiere (cis, weiß, männlich, ‚Mittelschicht‘,…) und dabei mithelfen möchte diese (also auch meine) abzubauen – ist jeder Demonstrant und jede Demonstrantin, dort, auf diesem Platz, eine weitere Ohrfeige.

Natürlich dürfen keine Privilegien daraus erwachsen, trans*, weiblich, lesbisch, schwul, queer, *** usw. zu sein, eben so wenig, wie man Privilegien erhalten sollte, weil man Christ ist, oder in einer bestimmten Partei, oder männlich, weiß, etc. pp.
Kinder zu sagen, „Ich mag Erbeereiscreme lieber, aber wenn du gerne Vanille magst, dann ist das auch völlig ok“ müsste doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.

[…]

Birgit Kelle sagt in ihrer Rede, die ich auszugsweise transkribiert habe, die „Gender-Ideologen“ würden sie – also die „Demo für alle“-Alle – denunzieren. Auf der Webseite der Demo-Veranstalter wird dann – wie es sich in einer demokratischen Gesellschaft gehört -, der Aktionsplan »Für Akzeptanz & gleiche Rechte Baden-Württemberg« als ein „Umerziehungsprogramm der LSBTTIQ-Community für Baden-Württemberg“ bezeichnet. Offensichtlich kein Denunzieren. Daraus wird dann auch munter zitiert. So sei geplant „Zuschüsse für Hochschulen, die ein „veraltetes Menschenbild“ lehren, [zu] kürzen oder [zu] streichen“. Eine Hochschule, die widerlegte Theorien aus dem Mittelalter als aktuellen Forschungsstand – am besten noch als unwiderlegbar – lehrt, sollte also ebenso gefördert werden, wie jene, die zu einer vielfältigen Gesellschaft und Wissenschaft beitragen? Das ist in etwa so, als würde man sich beschweren, wenn Sekten keinen Anteil an der Kirchensteuer erhalten.

Forschung und Lehre müssen frei sein, ja, aber nicht frei sein von Forschung und Lehre.

[…]

An dieser Stelle muss ich diesen Text abbrechen. Nicht, weil ich glaube, dass er fertig sei, sondern weil ich weiß, wie fertig ich mich fühle. Dieses Thema, so wichtig es mir ist – und so wichtig es objektiv ist -, zerfrisst mich. Der Hass auf Fremde, Freunde und liebende Menschen, setzt sich als schwarzer Tumor in meine Seele. Und jedes Wort, dass ich dazu lese, lässt ihn wachsen.

Wir müssen besser sein als dieser Hass. Uns nicht unterkriegen lassen. Lesen, bilden, alles verändern wenn wir es verändern, nicht aufhören uns zu erklären und zu hinterfragen.

***


Transkript des Videos "Birgit Kelle ruft die CDU zum Handeln auf - Demo für Alle - Stuttgart, 21.03.2015".

Ich möchte gerne hier von diesem öffentlichen Platz aus den Appell richten an die ganze CDU in Baden-Württemberg: Kommt endlich runter von euerm Sofa und geht raus ins Getümmel. [Applaus] Dies ist ein wunderbares Land und in einem freien Land soll jeder leben können wie er sich das vorstellt und so wie er das möchte. und ich bin auch sehr für Vielfalt, vor allem bin ich für Meinungsvielfalt. [Applaus] Das hier mitten in Stuttgart Eltern die für ihr Recht kämpfen ihre Kinder nach ihren eigenen Wertvorstellungen noch großziehen zu dürfen von hunderten von Polizisten geschützt werden müssen ist eine Schande für dieses Land. [Applaus] Und ja, wir müssen Verständnis haben, gerade in einem freie Land, dass Minderheiten auch für ihre Rechte kämpfen und dass Minderheiten gerne auch Respekt und Toleranz haben wollen für ihre Position, aber meine liebe Freunde: Toleranz ist keine Einbahnstraße. [Applaus] Und deswegen müssen wir uns in diesem Land auch mal wieder für die Mehrheit einsetzen. Für die Familie. [Applaus] Es sind die Familien, in die die Kinder hineingeboren werden, es sind die Eltern die jeden morgen aufstehen und sich verantwortungsvoll um ihre Kinder kümmern. Um die müssen wir uns auch wieder kümmern in diesem Land, weil es nicht sein kann dass wir erst eine Minderheit werden müssen damit wir in diesem Land gehört werden. [Applaus] Gerade diese Landesregierung ist angetreten mit dem Vorsatz sie möchte mehr Bürgerbeteiligung möglich machen. [Zwischenrufe] Diese Bürgerbeteiligung der Landesregierung in Baden-Württemberg ist ein Witz. Hier sind wir, liebe Landesregierung, wir wollen uns beteiligen. Die Wahrheit ist aber: Ihr wollt uns gar nicht zuhören. Ihr wollt uns zum schweigen bringen. [Buh-Rufe.] Und deswegen ein letztes Wort an all diese Gender-Ideologen hier in dieser Landesregierung: Ihr könnt eure Pläne ausarbeiten. Und ihr könnt versuchen uns Dinge zu verbieten. Und ihr könnt uns denunzieren für unsere Meinung. Aber ich verspreche euch etwas: Unsere Kinder bekommt ihr nicht. [Applaus]

Ich danke euch allen. Ich danke euch, dass ihr alle hier seid. Und lasst uns jetzt durch die Stadt gehen.

***

[Als Notiz am Ende des Eintragsentwurfs eingefügte Links. Ohne Beschreibung.]


https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/menschen/offenheit-und-akzeptanz/
http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/bevoelkgebiet/Fafo/Aktionsplan.asp
Flyer: Umerziehungsprogramm der LSBTTIQ-Community für Baden-Württemberg
Interview mit Birgit Kelle: »Der Gender-Wahn muss beendet werden«

[Vermutlich handelt es sich um eine Materialsammlung. Aber dieses Thema erschöpft mich emotional, daher kann ich es nicht noch einmal betrachten.]

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