Der Streuner.

Da steht er nun. Ein langer, doch nicht groß gewachsener, dürrer Kater. Schwarzes Fell, scheuer Blick. Er betrachtet mich, mit beinahe flehenden Augen. Ich ziehe nervös an meiner Zigarette. Ich hab das Rauchen nie aufgehört. Er sagt nichts. Aber seine linke Pfote deutet eine Rauchbewegung an. Zwei Finger, zum Mund hin führend. Ein Viktoryzeichen der Kapitulation. Seine Augen flehen mich an. Er zittert. Nicht heftig, so als wäre es kalt. Aber ich bemerke es doch. „Na gut“, sage ich suche in meiner Brusttasche nach der zu 2/3 leeren Packung Kippen. Es sind teure. Die teuersten, die ich mir leisten kann. Aber ich versuche weniger zu rauchen und lieber nicht mehr das ganz billige Zeugs. Nach einem viel zu langen Moment habe ich eine der halb zerdrückten Zigaretten herausgeangelt. Er greift sie gierig, macht eine nervöse Geste, die wohl so etwas wie Danke bedeuten soll. Er wirkt, als hätte ich ihn gerade vor einem Drachen gerettet. Fuck. Nun will er auch noch Feuer. Seine Rechte Hand, zitternd, ein imaginäres Feuerzeug. Ich suche wieder. Rechte Brusttasche? Linke? Hose? Herrje. Irgendwann finde ich das Feuerzeug, reiche es ihm, und er verschwindet dankbar rauchend. „Halt“, sage ich. Aus einem Koffer hole ich eine der Bananen, die ich gerade geschenkt bekommen hatte. „Noch was gesundes.“ Seine tiefen Katzenaugen betrachten die Banane. Irritiert. Dann nimmt er sie, bedankt sich wieder. Und verschwindet endgültig.

Keine fünf Minuten später sehe ich ihn wieder umherstreifend. Die nächste Kippe schnorrend. Er sagt kein Wort. Keinen Ton. Aber wenn er jemanden sieht, der raucht, dann bewegt er sich auf sie zu. Macht seine Rauchbewegungen. Bittet, ohne etwas zu sagen. Miaut nicht einmal. Das macht er oft. Andere Leute werden ungehalten, scheuchen ihn weg. Armer schwarzer Kater.

Am nächsten Tag sehe ich ihn wieder. Nun steht er an der Brücke. Fuck, da muss ich drüber. Ich trage einen Berg von Pizzakartons, zwei Schalen mit irgendwelchen Nudeln und Salat. Und ich rauche, weil ich es gerade muss. Mein Inneres fühlt sich so schlecht an, deshalb muss ich meinen Körper auf die gleiche Ebene bringen, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Er sieht mich und es ist, als würde in ihm Hoffnung aufflammen. Shit, denke ich. Ich kann doch nicht einfach vorbei gehen. Nun steht er da, mit seinem Katzenbetteln, und ich kann… einfach nicht. Also sage ich „Na gut“. Aber wie soll ich… Ich bitte ihn, die Schachteln mit den Pizzen kurz zu halten, damit ich die Kippe herauskramen kann. Er hält, und ich krame. Und dann rutscht eine der Schalen schnell von der Spitze des Pizzaberges. Sie zerschellt auf dem Boden. Ausgerechnet die Nudeln. Sahnesoße, Schinken, Pflasterstein. „Fuck“, sage ich. Aber die halbe Schale ist noch zu retten. Wütend – er macht bereits eine Entschuldigungsgeste – reiche ich ihm die Kippe. Aber er braucht noch ein Feuerzeug. Herrgott, diese verfluchte Feuerzeug-Geste. Ich reiche ihm auch das. Er bedankt und entschuldigt sich zugleich. Nuschelt das ein oder andere mjauen. Ich sage ihm, so als wöllte ich es einem Kind beibringen, dass das nun die letzte Zigarette war, die er von mir bekam. „Die Letzte.“ Er gibt mir die Pfote darauf. Halbherzig und nur die vordere Hälfte. Sie fühlt sich an wie ein Sack dreckiger Wäsche. Ich blicke ihn, so böse ich es kann, an. Wiederhole noch einmal. „Die Letzte.“

Er verschwindet endlich rauchend. Ich genervt. Fuck fuck fuck. Erstmal die Pizzen zu den Kolleg_innen bringen. Nützt ja nichts, wenn nachher alles kalt ist. Ich liefere das Zeug ab, sage, dass mir die Nudeln runterfielen. Letztendlich trage ich Schuld daran. Ich hole also noch eine Portion. Sage, dass mir die erste Portion runtergefallen ist. Sie geben mir – dieses mal – die Nudeln umsonst. Ich bin so irritiert, dass ich nicht einmal an Trickgeld denke. Oh. Auf dem Rückweg, mit der neuen heißen Schale in der Hand, steht der Kater wieder da. Er nähert sich, mit traurigen, scheuem Blick. Ich weiche aus. Blicke ihn, weiterhin böse, an.

Über die Brücke laufend beschließe ich, ihn von nun an als eine der Katzen zu sehen. Zwar da, ja, aber ich erkenne seine Existenz nicht mehr an. Er schleicht nur umher und wenn ich ihn sehe, dann ist das nur ein Teil meines eigenen Zerfalls.

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