Tu gutes und schweige darüber.

Neulich beschimpfte ich noch alle* dafür, dass sie herausposaunen, was sie an guten Sachen so machen. Jetzt erzähle ich davon, was für ein komisches Gefühl es ist, nicht zu erzählen, was man so gute machte (und erzähle damit auch, was ich tat, was ja ziemlich dämliches Komplimentenfischen ist… Meh.)

An der Fasnet fand ich eine EC-Karte. Sie lag einfach da, auf dem Boden. Ohne, dass die Menschen, mit denen ich unterwegs war, es bemerkt hätten, hob ich sie auf. Als wir zuhause waren, sagte ich meinem Mitbewohner, ich würde nochmal „eine Rauchen gehen“, und warf die Karte dann – ohne Schreiben, ohne Zettel – in den Briefkasten der zugehörigen Bank. Mir erschien das damals korrekt.

Ich erzählte niemand davon, schwieg brav, denn ich wollte dafür keinen Applaus (und will es auch jetzt nicht). Denn, ich weiß nicht ob es richtig war, dies zu tun. So, jetzt, im Nachhinein. Ebenso hätte ich sie in einem der – zahlreichen – Läden um die Ecke abgeben können oder in irgendeiner Facebookgruppe bescheid sagen können. Ich hätte den Namen der Karteninhaber_in googeln können. Muss man die Welt bewegen, deshalb?

Sicherlich nicht. Aber eine mir bekannte Person arbeitet bei dieser Bank und eigentlich hätte ich sie fragen können. Hätte bescheid geben können. Hätte bei der Bank anrufen können, damit diese der Karteninhaber_in sagen können, es sei alles okay.

Habe ich Fingerabdrücke auf der Karte hinterlassen? Möglicherweise erweckte ich durch das aufheben den Eindruck, ich hätte diese Karte gestohlen? Ich sei ein Dieb. Dabei habe ich nur eine – entscheidende – Sache unterlassen: Ich habe meine Handlungsabsicht mit niemandem abgesprochen. Eine Demokratie, eine Gesellschaft, bedarf aber solches Aushandeln von Handlungsabsichten. Woher soll ich denn bitte wissen, wie man sich richtig verhält, ohne je jemanden gefragt zu haben?

Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob ich mich richtig verhalten habe, aber weil ich damals schwieg, müsste ich auch heute noch schweigen. Und weil ich schwieg, nichts notierte, sind die Erinnerungen so verschwommen, dass ich nicht mehr sagen kann, was genau passierte abgesehen von den groben Umrissen oben. Hatte ich sie vielleicht wirklich gestohlen und mein Hirn hat dies schlicht verdrängt? Hat eine alternative Geschichte zurechtgelegt? Das glaube ich nicht. Aber ausschließen könnte ich es nicht.

Schweigen und vergessen hinterlässt also nur Unsicherheit. Aber Aushandeln von Verhaltensoptionen mit Freunden oder der Welt ist auch schwierig. Vor Jahren sendete mir jemand meinen Blutspendeausweis per Post zu. Meine Adresse stand ja darauf. Ich hatte damals noch nicht einmal gemerkt, dass er fehlte. Auf dem kurzen Zettel, der dem Ausweis beigelegt war, stand, die Person hätte ihn im Bahnhof gefunden. Keine Antwortadresse, keine Möglichkeit sich zu bedanken. Vielleicht ist dass das richtige Verhalten.

Vielleicht erinnere ich mich aber auch falsch daran.

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