Hitze

Auf einer der Steinstehlen sitzt ein älterer Mann in einem türkisverwaschenen Hemd. Er sitzt gebäugt, als ruhe auf seinen Schultern das gesamte Leid der Welt. Vielleicht stimmt das ja. Neben ihm, rechts der Steinstehle, liegt ein kleiner Röhrenfernseher. Schwarz und das Kabel müde herabhängend. Nichts wird mehr in ihm zu sehen sein, und so sehen die Leute darin auch nur noch Müll. Die Beine des Mannes, der das Leid seiner ganzen Welt in den Schultern trägt, sind fast lächerlich dünne. Haare quellen unter den kurzen Hosen hervor, Haare und Haut. Unter seinem Hemd ragt ein dicker Bauch hervor. Grau der Kopf, als hätten ihn die Jahre seines Lebens nur geknechtet. Soll ich ihn ansprechen? Fragen, was los ist? Oder ist jede ihre eigene Postbotin? Trägt jede ihre eigenen Päckchen? Blickt hier Trauer an mir vorbei, oder ist es … Kraft? In meiner Vorstellung verwandelt sich der Mann in seiner schäbigen Kleidung in einen nordischen Gott. Der Fernseher neben ihm, nun schwer und unaufhebbar, Mjolnir, hat ihn ausgekohren. Wir er ihn erheben? Wird er mich zerschmettern? Ich… blicke gelangweilt in die Richtung meines Weges. Ich kann mich auf meine Vorstellungen nicht konzentrieren. Die Hitze drückt sich einem Springerstiefel gleich in meinen matschigen Schädel. Zombiebrain. Ich versuche nicht an Schweiß zu denken. Husche vorbei an Mjolnir, ohne auch nur zu versuchen, ob ich seinem kahlen Bildschirm würdig bin.

Die weiteren Steinstehlen tragen keine nordischen Götter. Doch ich kann mich dennoch nicht konzentrieren. Die Sonne brennt wie immer, doch es kommt mir unheimlich warm vor und auch die anderen Menschen – bin ich ein Teil von ihnen? -, erkennen die Wärme. Sie haben sich in luftige, bunte Hosen gekleidet, in weite T-Shirts mit Sinnsprüchen, die niemand ernst zu nehmen scheint. Hör darauf, was deine Kleidung sagt, dann wäre die Welt schon besser. Jene, die ich als „Frauen“ zu erkennen glaube, tragen eine Vielzahl bunter Mode. Bunte Kleider, Hosen, kaum länger als Unterwäsche, Tops und Shirts, die manches zeigen, was sonst verdeckt wäre. Trägerriemen von BHs, Tattoowierungen, deren tieferer Sinn sich ohne Kenntnis des Menschen darunter nicht erschließt. Ob sie alle Menschen in ihren Leben haben? Aus irgendeinem Grund interessiere ich mich mehr für jene, die mir als „Männer“ erscheinen. Ihre Mode ist einseitiger, weniger bunt, verdeckender und leider finden sich kaum Röcke und Muster. Aber unter ihren Hemden, die manchmal offen genug sind, um ein paar Haare einer unrasierten Brust zu sehen, ein paar muskulöse Arme, die irritierend schicken Frisuren und albernen Bärte, aus irgendeinem Grund betrachte ich sie heute länger. Will wissen, was in dieses Geschenkpapier von Kleidungsstücken verpackt ist. Warum sie Rucksäcke tragen und was in ihren Köpfen sich für Bilder manifestieren, wenn sie sich ihre Hosen ausziehen und befriedigen.

Auf dem Rückweg, gelangweilt von meiner Neugierde, sitzt der Mann im türkisen Hemd immer noch gebeugt da. Scheinbar ist noch viel Leid in der Welt hinzu gekommen. Mjolnir steht unberührt und uninteressiert neben ihm auf dem Boden. Ich vertreibe mir die Gedanken, während ich noch ein Stück Hirn esse.

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