1, 2, 3, 4 – Für den Untergang sorgen wir!

Ich trage das Kostüm eines indischen Generals. Grün-Rot-Blau-Lila. Dicke Haare. Barett. Aus meinem Schritt hängt ein Taschentuch. Seide. Ich kratze mich darunter. Die Menschen in der Kneipe schauen irritiert und trinken ihre Biere. Ich erhebe meine Stimme. Leise: Fuck. Laut:

„Unsere Eltern haben uns verraten. Jede Generation sollte es besser gehen als der Vorherigen, haben sie gesagt. Aber was unsere Großeltern erreichen wollten, war ein guter Lebensabend. Die Welt wurde nicht gerettet. Ihr seid nur ausgestiegen, bevor die Konsequenzen eures Handelns eintraten. Ihr habt keine Welt gerettet. Nicht mal deine kleine. Ihr habt Öl verbrannt, habt Arbeitskämpfe vernachlässigt für eine gute Beziehung zum Chef. Ihr, die ihr heute Kinder in die Welt gesetzt habt. Weil es so ein tolles Lifestyle-Accessoire ist. Schicke Chuck-Taylor-Schuhe, wo die Kinder noch nicht mal gehen können. Und seine Altersgenossen nähen diese in Fernost. Mit ihren süßen Patschehändchen. Sagen „Nike“, bevor sie „Mama“ sagen.

Ihr habt zugelassen, dass Flüchtlingsheime angezündet werden. Ihr hattet das Feuer in den Händen und habt es auf eure Nachbarn geworfen. Habt keine Gewalt bekämpft, sondern Gewalt geschürt. Habt ferngesehen, habt uns großgezogen. Alles kannst du werden, habt ihr gesagt. Und, du musst dich gegen die anderen durchsetzen. Aber es kann keinen Kampf zwischen uns geben. Wir müssen gemeinsam streiten. Müssten. Denn eigentlich haben wir schon verloren. Wer heute 20 ist, wer heute 30 ist, der sieht das Ende noch beginnen. Die Jüngeren werden Selbstmord begehen, sich tot saufen, rot tragen oder sehen, wie wir – du und ich – uns in peinliche Ausreden werfen. Wir hätten eh nichts mehr tun können. Wir waren der Untergang… und… sorry und so. Wer heute 30 ist und sich halbwegs gesund ernährt, wird sehen, wie wir die Welt untergehen lassen. Wie wir als Letzte versuchen, den unmöglichen Generationenvertrag zu erfüllen. Wie es zusammenbricht. Völlig egal alles. Wie wir uns völlig entsolidarisieren. Wie beim Klassenkampf alle verlieren. Hauptschule gegen Gymnasium. Niemand gewinnt. Wie wir Mitleid haben werden mit den Unterdrückern und Unterdrückte in den Dreck schicken werden. Eurer Flüchtlingsboot entspricht keiner Norm, zurück aufs Meer. Wie wir zusehen, wie an einem Ende der Welt Menschen massenhaft sterben. Und wir sagen: Wir haben unsere moralische Verantwortung erfüllt. Wir christliches-abendland-Leute sagen uns dann gute Nacht und schlafen den Schlaf der Selbstgerechten. Diese Menschen sind keine Asylbewerber_innen, sondern Armutsflüchtlinge. Jaja. So wie die Iren und Deutschen und Schweden, die nach Amerika auswanderten. Nur haben diese wenigstens die dort lebende Bevölkerung abgeschlachtet, in Reservate gesteckt, ausgebeutet. Die Germanen haben Rom erobert, als sie vor den Hunnen flohen. So funktioniert eine vernünftige Flucht. Alles kaputt machen, was dir im Weg liegt. Nicht in einem Container ziehen und hoffen, dass man nicht abgeschoben wird. Kaputtschlagen, was dich kaputt macht.

Alles wird zusammenbrechen. Wir werden uns weigern. Werden Widerstand leisten gegen uns selbst. Kein Bier, kein Wein, kein hier, kein sein. Wir sind der Untergang. Es gibt kein Abenteuer mehr, sagen sie, also zerstören sie die Gesellschaft. Sie sagen, es geht nicht um den Kuchen, sondern die Bäckerei. Wir werden Terroristenversteher. Werden Kapitalistenversteher. Werden Lügenpresse(für)sprecher. Wir sind der Untergang. Wir sorgen für dich. Wir sorgen für uns. Wir lassen es enden. Die einzige Form der sozialen Wärme ist der Brandanschlag. An einer Wand steht: Soziale Kälte gegen Klimawandel. Ich ignoriere die Zukunft, tausche meine Hoffnung gegen billige Klamotten. Sehe die Antikapitalisten von Sonderangeboten schwärmen.“

Die Leute trinken desinteressiert ihre Biere. Ich schreie, so laut ich nur kann, meine Parole: „1, 2, 3, 4 – Für den Untergang sorgen wir!“

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