Irgendwas ungelesenes mit Uniwahlen. (15)

Ich bin in einer Fachschaft aktiv. Weil die Uniwahlen kurz bevorstehen half ich auch ein bisschen beim Wahlkampf mit. Flyer verteilen und sowas. „Unsere“ Flyer sind billigster Druck auf buntem Papier und Infos, was die Studierenden in ihrer Selbstverwaltung so alles hinbekommen. Ein Umsonst&Draußen zum Beispiel, Filmabende zu Gleichstellung… Darin finden sich aber auch Tippfehler und man merkt, wie schwer es fällt, zugleich die Selbstverwaltung zu tragen und für sich als Gruppe Werbung zu machen. Selbstverwaltung ist nicht sexy. Basisdemokratie ist nicht sexy, sondern vernünftig und sehr sehr anstrengend. Und Viele müssen sehr viel arbeiten, damit das funktioniert. Das tut es – zugegebenermaßen – oft nicht. Teilweise scheitert man an der Uni, teilweise an den eigenen Ansprüchen, teilweise an zu geringer Beteiligung. Selbstverwaltung ist halt unsexy, matt, verblichen und günstig gedruckt. Aber sie ist auch schlagkräftig, weil keine anderen Interessen – keine Parteipolitik, keine Landtagswahlen, keine Linientreue – sie in ihrem Handeln einschränkt. Selbstverwaltung, unabhängig, basisdemokratisch. Das ist nicht sexy, aber… sinnvoll. Zumindest erscheint mir das so.

Eine der „politischen Hochschulgruppen“, die irgendwo in der Nähe einer Partei zu stehen scheint, flyerte in der Mensa, als unsere Fachschaft – zusammen mit anderen – „unsere“ Flyer auslegte. Hochglanz, Karten und Faltblätter mit lächelnden Gesichtern von angehenden Juristinnen, Lehrerinnen und Rhetorikerinnen auf deren Flyer. Dazu Wahlkampfparolen und Forderungen. Auf „unserem“ keine Gesichter. Bei „uns“ entscheiden basisdemokratisch die Fachschaften – und damit alle Studierenden. Jede kann mitmachen. Das ist verdammt viel Anspruch, aber auch alles andere als Hochglanz.

Ein paar Punkte dieses fremden Hochglanzflyers – und der Gummibärchen und Muffins, die die gleiche Gruppe neulich verteilte -, macht mir als Skandinavistik-Student Sorge. Einer der Forderungen etwa betrifft Fremdsprachen, die laut deren Willen zentral im Fremdsprachenzentrum angeboten werden sollten. Für unseren Studiengang würde dies bedeuten, dass wir nicht nur weitere Dozentinnen abgeben müssten, sondern auch zentrale Inhalte des Studiums – Sprachkurse, die sich an unseren Studieninhalten ausrichten und nicht an einer Allgemeinheit – verloren gehen müssten. Natürlich sind unsere Kurse offen auch für andere Studierende. Aber es gilt – und das ist essenziell für diesen Studiengang -, unsere Studierende haben Vorrang. Anders wäre die Skandinavistik in Tübingen nicht haltbar. Nicht so, wie sie ist. Nicht so, wie sie sein kann. Mit zentralisierten Sprachkursen steht die Legitimität unseres Studiengangs auf der Kippe – und er würde zum Wiedergänger werden.

Ein anderer Punkt ist das Einwerben von Drittmitteln. Zum einen bereitet mir die Vorstellung, in einem ALDI-Hörsaal zu sitzen, Unwohlsein – denn selbst wenn daraus offiziell keine Beeinflussung entstehen darf, so ist allein schon ein Name, ein „Gespendet von XY“-Täfelchen eine Beeinflussung. Die Sprachwissenschaften haben ausreichend oft bewiesen, wie Worte unsere Realität prägen. Andersherum: Entstünde keinerlei Beeinflussung der Universität – und ist sie auch noch so klein -, so hätten bspw. Stiftungen auch kein Interesse daran, hier ihr Geld zu geben. Hinzu kommt, dass eingeworbene Drittmittel schnell als Argument dienen können, staatliche Mittel zu kürzen. Warum Bildung von der „Großzügigkeit“ Einzelner abhängen soll und der Staat auf sein Recht verzichten soll, die notwendigen Gelder über Steuern usw. eben einzusammeln, erschließt sich mir nicht. Ist das nicht genau seine Aufgabe? Die Finanzierung dessen, was aus Gutmütigkeit nicht zu finanzieren wäre, aber finanziert werden muss?

Aber dann dachte ich mir: Bin ich hier nicht parteiisch? Ist meine Meinung, dass eine Universität mehr sein muss als die Vorbereitung für einen Arbeitsmarkt, nicht nur eine von vielen? Dass sich der Wert einer Wissenschaft nicht an ihrer finanziellen Verwertbarkeit ausrichtet…? Vielleicht bin ich damit inzwischen in der Minderheit. Vielleicht sind solche Gedankengänge nicht mehr sexy genug. Vielleicht bin ich egoistisch, weil ich die Gemeinschaft von Studierenden – organisiert in Fachschaften – einer parteinahen politischen Hochschulgruppe vorziehe. Es muss sich wohl alles am Markt ausrichten – und wir haben darauf keinen Wert. Sind nicht Hochglanz, tragen keine Gummibärchen an unserem Rücken getackert.

Vielleicht bin ich in einer Fachschaft und das erste mal seit über 10 Jahren stellen diese bald nicht mehr die Mehrheit in unseren Gremien. Oder wir sind wieder stärker als bisher. Ich kann das überhaupt nicht abschätzen gerade.

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